Ein Turm dominiert vor sich hin

26. August 2003, 19:59
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Der Millennium-Tower beherrscht seit vier Jahren das Stadtbild

Wien - Er ist der Größte - aber nicht immer der Höchste. Optisch gesehen. Aber "optisch gesehen" ist auch schon ein Wort zu viel, man sagt schließlich auch nicht "akustisch gehört".

Der Millennium-Tower wurde erst vor vier Jahren fertig gestellt - aber der 202 Meter hohe Bau am Handelskai dominiert seither derart das Wiener Stadtbild, dass einem ist, als stünde er schon viel länger an der Donau. An allen Ecken und Enden der Stadt taucht er auf, zeigt hier und da seinen Spitz als Sieger im hiesigen Vergleichskampf der Investoren, wer den größten hat. Büroturm nämlich.

So wächst der Millennium-Tower etwa schon an der Kreuzung von der Oberen- mit der Unteren Augartenstraße aus dem Gehölz des Augartens empor - ist aber ob der perspektivischen Verkleinerung in diesem Blickwinkel gerade einmal so hoch wie der Flakturm. Dabei ist der Millennium-Tower in Metern glatt viermal so hoch, wie das Mahnmal der Nazi-Luftabwehr.

Jetzt aber das "wenn":

Wenn dieser Büroturm so hoch gebaut worden wäre, wie er ursprünglich vom Gemeinderat genehmigt wurde - so würde man ihn von hier aus gar nicht sehen. Denn eigentlich stand in der Widmung des Stadtparlamentes etwas von 120 bis 140 Metern Höhe. Dann folgte im Bauausschuss des Bezirkes der Beschluss für eine "geringfügige Abweichung" nach Paragraf 69 der Wiener Bauordnung - schon waren 160 Meter erreicht. Und weil so ein Turm ohne Dach auch nix gleich schaut, kommt noch ein möglichst schräges Glasdach drauf, samt einem "Antennenfuß" - wir halten bei 180 Metern. Dann eben noch der doppelte Antennenspitz - und schon sind 202 Meter erreicht.

Turmbauer Georg Stumpf hatte eben eine Gabe aus weniger etwas mehr zu machen. So sollte etwa auch im Shoppingcenter auf 10.000 Quadratmetern eingekauft werden dürfen. Es wurden dann halt 15.000 Quadratmeter.

Kürzlich erfolgte der finanziell krönende Abschluss, quasi die Doppelantenne der Projektgeschichte: Stumpf verkauft den ganzen Komplex um 360 Millionen Euro an die deutsche Fondsgesellschaft MPC Münchmeyer Petersen Capital aus Hamburg.

Eigentlich hatte Stumpf der Stadt noch Verbesserungen versprochen; etwa einen Steg über den Handelskai. Aber vorbei ist vorbei und verkauft ist verkauft.

Letztlich ist all das unwesentlich. Das Stadtbild ist verändert - der Turm steht jetzt da und dominiert vor sich hin. (Roman Freihsl/DER STANDARD, Printausgabe, 27.8.2003)

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