Reportage: Ausländer in Bagdad bunkern sich ein

28. August 2003, 13:19
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Kriminalität und Terrorismus: Arbeit von internationalen Organisationen stark eingeschränkt

Eine neue Hiobsbotschaft für die fünf Millionen Bagdader: Die Amerikaner mussten am Montag die Jumhuriya-Brücke über den Tigris schließen, eine der wichtigsten Verkehrsverbindungen der Stadt. US-Soldaten hatten unter der Brücke eine Bombe entdeckt. Das Verkehrschaos wird damit noch unerträglicher. Es vergeht kaum ein Tag, ohne dass die US-Besatzer nicht aus Sicherheitsgründen weitere Straßen sperren. Neben ihren eigenen Einrichtungen sind auch die großen Hotels zu Festungen geworden, die vor der Gefahr von Autobomben geschützt werden müssen.

Der Schock nach dem Anschlag auf die UN-Mission und die Angst vor weiteren Attentaten steht vor allem den Ausländern in Bagdad ins Gesicht geschrieben. Die meisten fühlen sich jetzt als potenzielles Ziel. "Das war der Super- Gau", sagt Alexander Christof von den "Architects for People in Need" (APN), einer deutschen NGO. Vor seinem Büro stehen kugelsichere Westen und Stahlhelme für alle Mitarbeiter. Niemand verlässt mehr das Haus, ohne in ständigem Funkkontakt zu sein. "Nachts allein durch die Bronx zu spazieren ist sicherer, als hier um die Ecke Semmeln kaufen zu gehen", sagt der Münchner.

Tote ohne Schlagzeile

Die Sicherheitslage ist nicht erst seit den Anschlägen auf die jordanischen Botschaft und die UN prekär, sie hat sich in den vergangenen Monaten kontinuierlich verschärft. Christof erzählt von einem aufwühlenden Besuch Mitte Juli beim zentralen Gerichtsmedizinischen Institut Bagdads, wo die Sterbeurkunden für "unnatürlichen Tod" ausgestellt werden. "Das war ein unbeschreiblicher Andrang, und von diesen Toten hören wir nichts in den Nachrichten", erklärt der APN-Chef. Einer seiner Angestellten wurde

an einem arbeitsfreien Tag von Autodieben erschossen.

Von einem großen Lastwagen werden Sandsäcke abgeladen. Arbeiter buckeln sie auf das Gelände des IKRK (Internationales Rotes Kreuz). Niemand darf mehr in der Nähe des Gebäudes das Auto abstellen. Das IKRK hat angekündigt, sein ausländisches Personal zu reduzieren. Diese Meldung hat bei andern NGOs zusätzlich Besorgnis ausgelöst, denn immerhin war das IKRK eine der wenigen Organisationen, die sogar während des Krieges ausgeharrt hatten.

Das Gros der NGOs und Organisationen macht weiter. "Aber die Sicherheitslage wird nicht täglich, sondern stündlich neu eingeschätzt", bestätigt Ibrahim Younis von "Ärzte ohne Grenzen", die von sich selbst sagen, sie seien die ersten, die in ein Krisengebiet kommen, und die letzten, die gehen. Die Arbeit ist aber bereits jetzt – das gilt übrigens auch für ausländische Botschaften – stark einge 4. Spalte schränkt. Viele Gefahrenzonen werden gemieden und persönliche Treffen abgesagt, damit wird die Projektaufsicht und die Koordination unter den NGOs erschwert.

Beim zerstörten UNO- Hauptquartier ist die Stimmung besonders angespannt: Sieben Leichen von irakischen Toten wurden am Montag an ihre Familien übergeben. Soldaten, das Gewehr immer im Anschlag, sichern den Zugang. "Nach der Untersuchung muss das anders werden, die UNO kann sich nicht hinter Panzer und Barrikaden verstecken", sagt Sprecherin Veronique Taveau. In Zelten und Containern arbeiten 140 UN-Angestellte rund um die Uhr, um bald wieder voll operativ zu sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 27.8.2003)

Astrid Frefel aus Bagdad
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