Expertin Ni Xiayun im STANDARD-Interview "Wir haben alle Karten schon ausgespielt"

31. August 2003, 11:43
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Pessimistisch beurteilt die Pekinger Strategieforscherin die Aussichten auf einen Durchbruch bei den Korea-Verhandlungen

Standard: Wie werden die Pekinger Gespräche ablaufen?

Ni: Es geht um zwei miteinander verknüpfte Fragen: Die koreanische Halbinsel soll atomwaffenfrei bleiben und die Sicherheit Nordkoreas garantiert werden können.

In der ersten Frage steht es im Grundsatz fünf zu eins gegen Nordkorea. Die Probleme beginnen aber bei der Umsetzung. China, Russland und Südkorea lehnen jede militärische Lösung ab. Die USA und Japan halten sich die Option offen. Zur zweiten Frage haben sich die USA, Südkorea und Japan abgesprochen und könnten Erklärungen zur Sicherheit Nordkoreas anbieten. China und Russland könnten Zusatzgarantien leisten. Nordkorea lehnt das alles ab. Es verlangt einen Nichtangriffspakt von den USA.

Standard: Glauben Chinas Strategen an einen Erfolg?

Ni: Die meisten Forscher sind pessimistisch. Sie halten einen Durchbruch für unmöglich und legen den niedrigsten Maßstab an. Ein Erfolg wäre, wenn am Freitag alle Parteien sich einigten, die Gespräche fortzusetzen. Ein Misserfolg wäre, wenn die Runde Donnerstag abgebrochen würde.

Standard: Was meinen Sie?

Ni: Es ist schon etwas, dass eine Sechserrunde zusammenkommt. Ich glaube aber auch, dass man erst in den Folgerunden über Inhalte reden wird. Jetzt steht das Symbolische im Vordergrund. 1994 haben die USA und Nordkorea 16 Monate gebraucht, um sich zu einigen. Diese Krise wird noch länger dauern.

Standard: Welche Rolle spielt China bei den Gesprächen?

Ni: Im Vorfeld hatten wir die wichtige Funktion übernommen, alle an einen Tisch zu bringen. Das hätte niemand, auch nicht Russland, zustande gebracht. Es ist an den USA und Nordkorea, zu Lösungen für ihr Verhältnis zueinander zu kommen. Unsere Möglichkeiten, auf sie einzuwirken, werden überschätzt.

Standard: Könnte Ihr Land mehr tun? Nordkoreas Versorgung hängt doch von China ab?

Ni: Wir liefern 70 Prozent der Energie- und Nahrungshilfen. Daher glauben viele, wir könnten Nordkorea die Unterstützung abdrehen. Das ist viel zu einfach gedacht. Wir haben schon alles getan, um sie zu überreden, an den Gesprächen teilzunehmen.

Standard: Was hat China zu gewinnen?

Ni: Wir wollen vermeiden, dass die Lage bei unserem 5. Spalte Nachbarn instabil und kompliziert wird. Wenn die Gespräche gut ausgehen, erhöht das unser internationales Ansehen. Zudem stabilisieren sich dann unsere Beziehungen zu den USA weiter. Als Präsident Bush an die Macht kam, ging es mit unserem Verhältnis zuerst bergab. Der 11. September brachte die Wende. Für unsere neue Führung ist der Koreastreit die erste komplizierte internationale Frage, zu deren Lösung sie beitragen kann.

Standard: Amerikaner, die einst mit Pjöngjang verhandelten, sprechen von einer sehr mühsamen Übung.

Ni: So denken nicht nur die USA. Nordkoreaner sind gewiefte Unterhändler. Ihre Vorstellungen sind auch für uns schwer nachzuvollziehen. Kim Jong-il spielt seine Karten anders als Saddam aus. Er hat von dessen Lektion gelernt. Für ihn sind Sicherheitsgarantien und Wirtschaftshilfen nicht die eigentlichen Asse. Seine Trumpfkarte sind die Atomwaffen. Die wird er nicht einfach so aus der Hand geben. Ohne diese Karte wird er von den Vereinigten Staaten unterdrückt.

Standard: Welche Karten hat China noch?

Ni: Keine mehr. Wir haben sie alle schon ausgespielt.

Zur Person

Ni Xiayun arbeitet seit 1990 an Chinas Institut für Internationale Beziehungen, einer strategischen Denkfabrik unter dem Pekinger Staatsrat. Die 40-Jährige befasste sich zuerst mit Südostasien. Seit 1998 ist sie für Amerikapolitik zuständig. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 27.8.2003)

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