Fünf gegen einen am Konferenztisch

27. August 2003, 22:18
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Es geht um Krieg und Frieden in der Region - Geringe Aussichten auf rasche Einigung

"Terrasse zum Angeln" heißt der Name des malerischen Staatsgästehauses in Peking, wo sich vom Mittwoch an sechs Verhandlungsführer aus den USA, Nord- und Südkorea, Japan, Russland und Gastgeber China treffen. Dass sie im "Diaoyutai" tatsächlich den großen Fisch an Land ziehen und den Konflikt um Nordkoreas Atomprogramm regeln können, wollen die Unterhändler gar nicht erst glauben machen. Es ist die Stunde des Understatements.

Zumindest überlässt Peking dieses Mal nichts dem Zufall, weder die Sitzordnung am eigens für den Anlass gebauten sechseckigen Tisch noch die Übersetzung. Erfolg oder Abbruch bei den so mühsam eingefädelten Gesprächen könnten schließlich über Frieden oder Krieg in der Region entscheiden. Die sechs Unterhändler reden in ihren fünf Muttersprachen. Jedem sind jeweils vier Dolmetscher zugewiesen. Bei 24 Dolmetschern im Raum "könnte sich zwar leicht Chaos einstellen", merkte die Armeezeitung Junshi Bolanbao an. Das "hochsensible Atomproblem Nordkoreas" rechtfertige aber jeden Aufwand. "Eine falsche Übersetzung hat schon einmal ziemliche Wellen bei uns geschlagen. Das soll diesmal verhindert werden."

Die Zeitung spielte auf das dreitägige Treffen Ende April zwischen dem US-Staatssekretär James Kelly und seinem nordkoreanischen Verhandlungspartner an, das auch im "Diaoyutai" stattfand. Gastgeber China hatte damals Mühe, Kelly nach dem zweiten Tag vom Abbruch der Gespräche abzuhalten. Schuld hatte angeblich der Übersetzer.

Unterhändler Li Gen hätte Kelly in einer Pause am Buffet provoziert. Nordkorea wolle nicht nur alle seine 8000 abgebrannten nuklearen Brennstäbe wieder aufarbeiten, sondern plane auch einen Atomtest. Kelly wollte darauf noch am Abend abreisen. Einen Tag später hieß es von US-Diplomaten, alles sei nur ein Missverständnis. Das Wort "Test" sei nie gefallen. Die zwei Dutzend Dolmetscher werden nun bis Freitag die Übersetzung jedes Wortes im Anglerparadies "Diaoyutai" überwachen, selbst wenn es am kalten Buffet oder in den Waschräumen fällt.

Alles hängt nun von Nordkorea ab, das sich nur widerstrebend zur "Runde der sechs" überreden ließ. Seine Nachrichtenagentur KCNA warnte Japan, Südkorea, Russland und China davor, sich von den USA gegen Pjöngjang vereinnahmen zu lassen. Nordkorea bestehe darauf, zuerst mit den USA einen vom Kongress ratifizierten Nichtangriffspakt abzuschließen. Erst dann wolle es über eine Einstellung seines Atomprogramms und über internationale Inspektionen seiner Nuklearanlagen reden.

"Sich ergeben bedeutet Tod", schrieb die KCNA. Nordkorea werde, wenn die Verhandlungen auf das Thema Inspektionen kommen, "mit allerhöchster Wachsamkeit reagieren". Der Irakkrieg sei der Beweis, dass eine "Zustimmung zu Inspektionen einen Krieg nicht verhindern, sondern entzünden hilft". Vermittlungsversuche aus Moskau, wonach sich Russland und China als Garanten der Sicherheit Nordkoreas zur Verfügung stellen wollten, wies Pjöngjang entrüstet zurück. Eine Sicherheitsgarantie "von einer dritten Partei ist für uns eine Beleidigung".

Alle sechs Staaten schickten ihre höchsten Asienbeamten auf die "Anglerterrasse". Moderator der Gespräche wird Vizeaußenminister Wang Yi sein, ein neuer Star der Pekinger Asienpolitik, der in Pjöngjang, Moskau und Washington für das Zustandekommen der Runde warb. Die USA entsenden ihren koreaerfahrenen Staatssekretär Kelly, Nordkorea seinen jüngsten Vizeaußenminister, der genauso heißt wie der Staatschef – Kim Jong-il. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 27.8.2003)

Aus Peking berichtet Johnny Erling
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    "Starker Schlag auf starken Druck. Erbarmungslose Bestrafung folgt der Züchtigung", drohte Pjöngjang auf Propagandabildern der US-Regierung an

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