Wieseln mit "1100 Jahre Stadt Mödling"

31. August 2003, 19:11
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Pendler und ÖBB bilden eine Symbiose, manches Mal zum Vorteil beider

Das Pendeln ist ein Schicksal, in das die ÖBB quasi gottgleich einzugreifen vermag. Eine Fahrplankorrektur um nur wenige Minuten genügt, um ganze Familien ins Unglück zu stürzen. Vor etwa zwei Jahren war das zum Beispiel in Wiener Neustadt so. Da schickten sie den Intercity aus Graz nach Wien Südbahnhof um vier Minuten früher weg, den Regionalbummler aus Sopron um vier Minuten später, wodurch die Burgenländer auf den langsameren Eilzug verwiesen wurden. Das kostet immerhin pro Tag eine halbe Stunde Fahrzeit.

Die Sache ist mittlerweile korrigiert, die Pendler kommen sich manches Mal sogar tatsächlich vor wie Kunden, was auch an der so genannten "Bahnhofsoffensive" liegen mag. Der Bahnhof Wiener Neustadt - einer der größten Personenverkehrsknoten Österreichs - gewinnt allmählich jene Gestalt, die Bahnhöfe haben sollten. Natürlich, jemand gehbehinderter kann den Anschluss vom Intercity "Croatia" (Bahnsteig 4) zum Eure- gio nach Szombathely (Bahnsteig 21) trotz Rolltreppe nie und nimmer schaffen. Wer sportlich allerdings halbwegs fit ist, läuft ohne weiteres über die steile Treppe und die Fußgeherbrücke, sodass sich die Sache locker ausgeht.

Architektonisches Vorzeigeprojekt

Der Bahnhof in Wiener Neustadt - berühmt geworden als erste Station der Heimkehrer aus der russischen Kriegsgefangenschaft und seither baulich kaum verändert - ist quasi ein architektonisches Vorzeigeprojekt der ÖBB. Selbst an die Fahrschüler hat die Bauleitung gedacht. Die Gleisunterführungen sind durchaus so breit angelegt, dass herumwieselnde Gymnasiasten Raum haben, ohne dem Opa vor ihnen auf die Ferse zu steigen.

Apropos wieseln: Die so genannten Nahverkehrs-Eilzüge heißen, seit Niederösterreich St. Pölten zur Hauptstadt gekürt hat, "Wiesel". Es sind Doppeldeckerwagen, die vor allem die Menschen in Felixdorf erfreuen, denn die halten dort. Einer dieser Wiesel heißt sogar "Südbahnsprinter", und mit dem kann man relativ spät am Abend noch nach Felixdorf fahren.

Ein anderer Zug, der Intercity nach Villach, heißt "Silicon Alps", und der hat, wenn Gott und der Zufall es wollen, einen Speisewagen - was insoferne nicht unwichtig ist, als dies dem Pendler das Gefühl vermitteln kann, in einem rollenden Kaffeehaus den Arbeitstag ausklingen zu lassen. Dafür gibt es einen anderen Intercity, der heißt "1100 Jahre Stadt Mödling". Der hält dort natürlich nicht, aber jeder Pendler kommt sich halt ein wenig merkwürdig vor, wenn er sich mit "1100 Jahre Stadt Mödling" ins Gewiesel am Südtiroler Platz wirft. (Wolfgang Weisgram, Der Standard, Printausgabe, 26.08.2003)

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