Mehr Kindergartenplätze erreden

26. August 2003, 12:04
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Kinderbetreuungsplätze fehlen, sind sich Frauenministerin und Familienstaatssekretärin einig. Wie viele, ist umstritten - Strategien dagegen auch

Wien - Frauenministerin Maria Rauch-Kallat (ÖVP) schmollte ein bisschen: "Ich weiß nicht, wie die Staatssekretärin auf diese Zahlen kommt." Ihr habe Ursula Haubner (FPÖ) die Erhebung über fehlende Kindergartenplätze nicht gezeigt. Auf jeden Fall kommt Rauch-Kallat die Zahl von 48.000 fehlenden Kinderbetreuungsplätzen eher hoch vor.

Familienstaatssekretärin Haubner hat 23.000 Haushalte befragen lassen und mit den Zahlen der Statistik Austria gerechnet. Ihre Ergebnisse: Für 48.000 Kinder fehlt ein Betreuungsplatz völlig; für 42.000 ist der gefundene Betreuungsplatz mangelhaft (etwa weil der Kindergarten mittags schließt). Insgesamt wird demnach für 90.000 Kinder zusätzlich Betreuung gewünscht.

Ingrid Moritz, Leiterin der Frauenabteilung der Arbeiterkammer, erscheinen diese Zahlen zu niedrig gegriffen. Sie begründet ihre Zweifel so: Mit dem Barcelona-Ziel habe sich Österreich wie alle EU-Staaten dazu verpflichtet, bis 2010 für 33 Prozent der unter dreijährigen Kinder einen Betreuungsplatz zur Verfügung zu stellen. Derzeit gebe es für dürftige zehn Prozent dieser Altersgruppe Betreuung - in Dänemark seien es 64 Prozent. Und von den zehn Prozent der Kleinkinder, die außer Haus betreut werden, sind die Hälfte nur vormittags in Betreuung. Auch bei älteren Kindern ist ganztägige Betreuung nicht gesichert. Am unteren Ende der Statistik liegt Vorarlberg: Dort haben nur 14 Prozent der Kindergärten ganztägig und ganzjährig geöffnet - in Wien sind es 92 Prozent. Daher glaubt Moritz, dass der Bedarf wesentlich größer ist als von Haubner angegeben.

Rauch-Kallat glaubt hingegen, dass der Bedarf niedriger ist. Auch wenn die Debatte um die Zahlen der fehlenden Kindergartenplätze nicht ausgestanden ist - einig sind sich Haubner und Rauch-Kallat, dass etwas geschehen muss.

Rauch-Kallats Vorschläge dazu: Kinderbetreuung soll steuerlich absetzbar sein. Dazu will sie "ganz ernsthaft" mit den für Kinderbetreuung zuständigen Ländern und Gemeinden reden, das Angebot zu verbessern. Geld dafür will sie allerdings nicht in die Hand nehmen: "An eine neue Kindergarten-Milliarde ist nicht gedacht." Nur "ergänzende Modelle" will die Frauenministerin fördern und nennt als Beispiel "Bäuerin als Tagesmutter".

"Wie soll das gehen", wenn der Bund kein Geld ausgebe?, fragt sich Erich Pramböck, Generalsekretär des Städtebundes. Er fordert die Regierung auf, die Prioritäten zu klären. Vorerst müssen sich Haubner und Rauch-Kallat absprechen. Während Rauch-Kallat mit den Ländern reden will, will Haubner einen runden Tisch mit den Landeshauptleuten zum Thema. Mit oder ohne Rauch-Kallat? - "Wer genau eingeladen wird, wissen wir noch nicht." (Eva Linsinger, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 26.8.2003)

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