Russisches Panoptikum

29. August 2003, 20:22
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Das "Theater zum Fürchten" im Mödlinger Bunker

Es geht um Nikolai Gogols Die toten Seelen. Auf den Grundfesten des Romans über Unmoral und Korruption das menschlichen Denkens errichtet Bruno Max' Theater zum Fürchten einen Russenparcours: Kollegienrat Tschitschikow kauft reichen Gutsbesitzern die Seelen der im noch laufenden Steuerjahr verstorbenen Leibeigenen ab, um sie als Pfand gegen Kredite einzutauschen...

In den ehemaligen Luftschutzstollen in der Mödlinger Brühlerstraße, welche das Theater zum vierten Mal als Sommerspielstätte nutzt, wandert das Publikum in Kleingruppen diesem vazierenden Beamten hinterher. Im Verbund mit Texten Bulgakows und Charms' ergibt dieser Fahrplan ein klassisch überkommenes russisches Panoptikum.

Als hätte Regisseur Max irgendwo zwischen Bukarest und Kaliningrad einen kompletten Flohmarkt hopsgenommen, verteilen sich die zu klischeehaften Szenerien arrangierten Devotionalien zwischen den Stollenbiegungen. Max selbst spielt einen Gutsbesitzer im himmelblauen (!) Nadelstreif (Kostüme: Alexandra Fitzinger).

Stationentheater für Strickwestenbesitzer: In der Kühle der Gänge wird Krautsuppe notverabreicht. Im schlappen Kostümfell eines russischen Tanzbären beklagt eine Frau den irrtümlichen Artistentod. Im Herz eines Kernkraftwerks diskutieren zwei Arbeiter (nach Bulgakows "Wüstling") den Firmenmodus bei der Vergabe von Konzertfreikarten - während ringsum unbeachtet Alarmsignale lebensbedrohlich dröhnen.

Ein Theater der monströsen Flüchtigkeit und Äußerlichkeit, das den immensen Aufwand (russische Restposten vor!) jedoch nicht so recht lohnen will. (afze/DER STANDARD, Printausgabe, 26.8.2003)

Theater zum Fürchten
Mödlinger Bunker
Brühlerstraße
01/544 20 70
Do-So, ab jeweils 19 Uhr
Karten 30 Minuten vor den jeweils viertelstündlichen Einlässen abholen
Bis 31. 8.
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