Immunsystem selbst fördert Alzheimer

28. August 2003, 09:34
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Bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen wurde dem Immunsystem eine Schlüsselrolle beim Altern zugedacht

Alpbach - Die demografische Entwicklung zwingt nicht nur Regierungen in Zukunft zu einer Fülle von Reformen. Sie nötigt auch die Wissenschaft zu einer intensiveren Erforschung des alternden Menschen. Bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen über ein "Active Aging" wurde Montag ein physiologisches System diskutiert, das eine Schlüsselrolle bei Alterungsprozess und Alterserkrankungen hat: das Immunsystem.

Bereits 2050 wird die durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen bei 88, für Männer bei 83 Jahren liegen. Diese aktuellsten Daten bestätigen einen Trend, den Demografen bereits im Vorjahr im Wissenschaftsjournal Nature publizierten: Die Lebenserwartung steigt seit 1840 jährlich um rund drei Monate, soll um das Jahr 2060 herum die 100-Jahre-Grenze durchbrechen. Ist dann endlich Schluss? Nein.

Der US-Genetiker Michael Rose etwa glaubt, dass die Lebenserwartung "durch nichts als die menschliche Technologie begrenzt" sei. Beatrix Grubeck-Loebenstein vom Innsbrucker Institut für biomedizinische Altersforschung relativierte dieses Horrorszenario: "Das zunehmende Alter ist kein evolutionärer Prozess, sondern resultiert aus medizinisch-technischen Fortschritten. Das heißt, dass dem Organismus eine natürliche Altersgrenze gesetzt ist. Diese liegt vermutlich bei 110 Jahren."

Menschen, die diese Grenze durchbrechen, seien und blieben Einzelfälle. Das Leben darüber hinaus künstlich auszudehnen hält Grubeck-Loebenstein für schwachsinnig, irgendwann seien eben alle Ressourcen zur Regeneration der Zellen und ihrer Funktionen ausgeschöpft.

Doch seit der Mensch vor hunderttausend Jahren mit einem Bewusstsein gesegnet und dem Wissen um seine Sterblichkeit bestraft wurde, bekämpft er nichts derart hartnäckig und erfolglos wie seine Vergänglichkeit. Schon der britische Schriftsteller Jonathan Swift spotte einst darüber: "Jeder will länger leben, nur alt werden will keiner."

Bis heute wurden zumindest die Grundlagen des Alterns erforscht, Strategien gegen einen frühzeitigen Tod entwickelt. Eine solche heißt Hungern: Tierexperimente zeigten, dass permanente Mangeldiät den Tod hinauszögert, weil die Stoffwechselraten und damit der oxidative Stress abnehmen. Beim Stoffwechsel entstehen schädliche Produkte, die mit Genen und Proteinen denkbar ungünstig reagieren und daher von körpereigenen Entgiftungsenzymen so schnell wie möglich abgebaut werden. Dieser oxidative Stress lässt den Organismus altern.

Überalterte T-Zellen

Aber es altert noch etwas. Etwas, das Grubeck-Loebenstein vor allem für altersbedingte Erkrankungen verantwortlich macht: das Immunsystem, die T-Zellen, die wichtigsten Antikörper. Warum? "Anders als alle anderen im Rückenmark gebildeten Zellen sind sie nicht reif. Ihre Reifung erfolgt erst im Thymus." Doch der - hinter dem Brustbein gelegen - ist just das erste Organ, das überhaupt zu altern beginnt. Und zwar sofort nach der Pubertät. Ab einem Alter von 45 Jahren ist von der Reifestation der T-Zellen meist nur noch ein unfähiges Stück Fett übrig.

Ab diesem Zeitpunkt können können keine neue T-Zellen mehr gebildet werden, das Immunsystem ist auf die vorhandenen, alten angewiesen. Diese jedoch produzieren anders als ihre jungen Schwestern nur einen immunologischen Botenstoff, den dafür umso mehr: Interferon gamma. Und mit dem dreht sich die fatale Altersspirale weiter.

Dieser Stoff fördert nämlich Entzündungen. "Und wir wissen, dass permanente unterschwellige Entzündungsprozesse Gehirn, Gefäße und Haut schädigen", warnte Grubeck-Loebenstein. Die Folgen sind so typische Alterserkrankungen wie Alzheimer, Arteriosklerose und Osteoporose.

Damit aber nicht genug: Die Zahl der alten T-Zellen und damit die Menge des schädigenden Interferons ist besonders bei Menschen mit langen latenten Virusinfektionen ausgeprägt - etwa mit Herpes simplex, der quasi schon zum menschlichen Inventar gehört. Weiters blockiert Interferon auch noch die Produktion von Antikörpern generell.

"Das Alter", fasste die Immunologin zusammen, "führt zu Veränderungen im Immunsystem, diese lösen Entzündungsprozesse aus, die alters-assoziierte Krankheiten fördern, die Zahl der Antikörper reduzieren und damit das Infektionsrisiko steigern und den Impfschutz schwächen."

So haben Studien ergeben, dass nach einer Tetanusimpfung 92 Prozent der Jungen (bis 35 Jahre) ausreichend Antikörper haben, von den Alten (ab 65 Jahren) aber nur 40 Prozent. Eine ähnliche Abschwächung des Impfschutzes bei Alten konnte Grubeck-Loebenstein auch für FSME (Zeckenimpfung) und Influenza feststellen.

Was aber tun, um die Alterung des Immunsystems hintanzuhalten und damit Alzheimer, Grippetoten und Co vorzubeugen? "Im Tierversuch arbeitet man gerade an einer Implantation von jungem Thymusgewebe in einen alten Thymus. Mal schauen, ob der dann wieder anspringt." (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 8. 2003)

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