Geräuschkulissenschieber

28. August 2003, 19:16
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Doris Krumpl

Salzburg - Ohne Sound läuft nichts. Auch in der Kunst nicht und in Salzburg schon lange nicht. Aber cool sollte der Sound auch noch sein. Obwohl dort mit Stockhausens Hubschrauber jede Menge Dezibel hochkulturell durch den Äther gedonnert wurden und Gelatin Protest- wie Jubelschreie provozierte, tut sich dort in puncto cooler Kunstsounds nicht viel. In diese Lücke stieß nun der Salzburger Kunstverein, der die mittlerweile heilige Ehe zwischen Kunst und in diesem Fall Sounds (es könnte auch Kino oder Mode sein) eingeht.

Zwar gab es 1998 eine große Festwochenschau zum Thema Crossings. Das Hybrid orientierte sich aber eher an klassisch-historischen Beiträgen, denn so neu ist die Beziehung der beiden Medien nicht. Die Salzburger Präsentation nimmt Abstand von offensichtlichen und modischen Spielarten, welche der Clubkultur hinterherhecheln. Crossings-Kurator Edek Bartz fährt in Kooperation mit Kunstverein-Chefin Hildegund Amanshauser mit zeitgenössischen Schall-Kalibern auf, und zwar internationalen - mit Hang zu Skandinavien und zum Baltikum, nach dem Balkan die neue, noch wenig abgegraste Lieblingsspielwiese von Ausstellungsmachern.

Also jetzt Sound Systems, wo der angesagte, der Young British Art 1993 entsagt habende Mark Leckey den Einstieg noch sehr plausibel macht: antiquierte Boxen als titelgebendes Skulptur-Arrangement, woraus eben Alltagsgeräusche mit Clubsounds entfleuchen. Turner-Preisträger 2001, Martin Creed, strapaziert wieder seinen Minimalismus, der in den Sixties zum Aufreger getaugt hätte.

Daneben ein kammermusikalisches Ensemble auf Orientteppich, was in diesem Fall aber Konzeptkunst sein muss. Rodney Graham nimmt ein vierminütiges Parzifal-Zwischenstück von Wagners Assistenten, trennt einzelne Stimmen, die von vier Sekunden bis vier Minuten reichen, und generiert damit ein wahrhaft kombinationsreiches Stück, das nach 39 Milliarden Jahren beendet sein wird. Musik kann auch von Insekten entstehen (Henrik Hakansson), eigene Bilder erzeugen, wie das witzige, unpathetische Dreiminutenvideo von Kai Kaljo zeigt, oder auch von Behinderten produziert werden: Artur Zimjewski arbeitete mit Gehörlosen. Verdienstvoll - die Videohalbwertszeit bewegt sich allerdings bei 30 Sekunden.

Etwas überkandidelt, aber spannend gemacht: die Videospiegelung von Rezipienten und Akteur, einmal live, einmal bei einer Galerie-Aufführung eines Schostakowitsch-Streichquartetts in der Installation des Dänen Joachim Koester. Erstaunlich - die jugendlichen Galeriebesucher blicken nicht anders drein als distinguiert-gelangweilte Besucher reproduzierender Künste. Dabei hellen sich alle tristen Riga-Großstadtgesichter beim Kopfhörer-Sound von Mozarts Zauberflöte merklich auf. Für die Nachwelt aufs Video Papagena gebannt von der Lettin Lena Pakalnina.

Nadine Robinson stellt sich Sound-Malerei als Tafelbild Like Two vor: Die Soul-Endlosschleife, die aus den flankierenden Boxen des mit assoziativen Silberlettern geteilten weißen Tafelbildes tönt, wiederholt den Gemeinplatz, dass es eine dünne Linie zwischen Liebe und Hass gibt. Genau. Bis 12. 10.

Musik und Klang - aus Klassik wie Pop - als Gestaltungsmittel in der zeitgenössischen Kunst versucht die Schau "Sound Systems" im Salzburger Kunstverein erfahrbar zu machen.
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