Vom Berg ins Wirtshaus

28. August 2003, 13:59
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Opernneuheit beim Carinthischen Sommer

Villach - Er gilt als einer der Pioniere der Alten Musik. Als Komponist der Oper Der Berg (1993) zieht René Clemencic eine Verbindungslinie zwischen "alt" und "nicht mehr ganz neu": Zahlenmystik und kosmische Gesetzmäßigkeiten stehen in Korrelation mit musikalischen Errungenschaften der letzten 300 Jahre.

Daraus ergibt sich eine Art "Fusion Music": Bruckners Naturtöne und Mahlers Bläserchoräle lassen grüßen, der subtile Minimalismus klingt bisweilen durch, auch bruitistische Elemente beleben. Dazu gesellen sich Indianische Trommelrhythmen, Anklänge an buddhistische Tempelmusik, jazziger Slap-Bass und Sitar-Imitationen.

Dieser bewusste Eklektizismus entbehrt aber keineswegs einer individuellen, stilsicheren Kunstfertigkeit, die Partitur wirkt ausgewogen. Das Libretto aus der Feder von Konrad Bayer handelt von der Erkenntnis zweier Bergsteiger, nach einem gefährlichen Bergabenteuer erst im Wirtshaus zum eigentlichen Selbst zu finden.

Die philosophischen, teilweise zynisch-humoristischen Dialoge der Alpinisten interpretieren die Tenöre Christian Bauer mit ausdrucksstarker Stimme und Bernd Lambauer im steten Kampf mit dem zu lauten Orchester. Dieses setzt sich aus Blechbläsern, Kontrabässen und umfangreichem Schlagwerk zusammen.

Der brachialen Wucht einzelner Passagen sind die im Hintergrund platzierten Solisten nicht gewachsen. Die ironischen Kommentare einer quasi übergeordneten Instanz übernehmen die Countertenöre Bernhard Landauer und Markus Forster in hohen und höchsten Lagen. In ziemlich strenger Polyfonie rezitieren sie ihren Text in echoartigen, mit Vorliebe im Halbtonabstand gehaltenen, äußerst anspruchsvollen Gesängen.

Die statisch-oratorische Inszenierung erfährt durch das schemenhafte Bühnenbild und die zwar anfangs stimmungsvollen, aber mit Fortdauer lähmend eintönigen Beleuchtungseffekte keine Belebung. Die Erkenntnis, dass gesellige Wirtshausatmosphäre den waghalsigen Herausforderungen des Alpinismus vorzuziehen sei, hätte etwas mehr szenische Frische verdient, zumal die musikalischen Voraussetzungen einige "Kletterhilfen" zu bieten hätten. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.8.2003)

Von Bernhard Bayer
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