Ölbad an Spaniens Küsten

29. August 2003, 16:43
posten

Aus der versunkenen "Prestige" tritt noch immer eine Tonne Öl täglich aus - Tausend Strände und Millionen Menschen betroffen

Madrid – "Ich glaube, es wird ungerechtfertigterweise Alarm geschlagen", meinte der spanische Regierungschef Aznar Ende November, wenige Tage nachdem die "Prestige" mit 77.000 Tonnen Öl an Bord vor der spanischen Küste gesunken war. Dass der Untergang des Öltankers die größte Umweltkatastrophe des Landes einleitete, davon wollte er damals nichts wissen.

Neun Monate später fällt die Bilanz verheerend aus: Laut Greenpeace sind 1137 spanische Stände vom "Chapapote" (Ölschlamm) verdreckt, täglich kommen 30 bis 60 neu "geteerte" Stände hinzu. 4000 Arbeiter und freiwillige Helfer strömen in einer einzigartigen Solidaritätsaktion aus allen Teilen des Landes nach Nordspanien, um ihren Landsleuten zu helfen. Bisher haben sie 3000 Tonnen Ölschlamm aus dem Meer gefischt, von den Felsen gekratzt und aus dem Sand gesiebt.

Tödlicher Ölschlamm

Doch kommt dies einer Sisyphusarbeit gleich – die "Prestige", die 270 km vor der galizischen Küste in 3500 Metern Tiefe liegt, verliert täglich eine Tonne Öl. Für Nachschub ist gesorgt: an die 35.000 Tonnen sind noch im Wrack.

Touristenstrände notdürftig gesäubert

Während die großen Touristenstrände Nordspaniens notdürftig gesäubert wurden, sind weite Küstenabschnitte weiterhin völlig zugeteert. Über 250.000 Vögel starben bisher an den Folgen der Ölpest. In Galizien, das für seinen Fischreichtum berühmt ist, herrscht weit gehend Fangverbot. Viele Bewohner Galiziens lebten bisher vom Fischfang, nun stehen sie vor dem nichts. Die Alleinregierung der konservativen Partido Popular (PP) hat den Fischern Finanzhilfen zugesagt. Politische Beobachter sehen darin aber reinen Wählerkauf für die im nächsten Jahr anstehenden Parlamentswahlen.

Aus den Augen, aus dem Sinn

In Galizien hat sich nach der Katastrophe die Protestplattform "Nunca maís" (Niemals wieder) gebildet. Zu ihren Kundgebungen kamen mehrere Millionen Menschen. Sie wirft der Regierung falsches Handeln vor. Statt das lecke Schiff in einen Hafen zu ziehen, hatte die Regierung die "Prestige" von der Küste wegschleppen lassen – aus den Augen, aus dem Sinn, wie es in der Region empfunden wurde. Nun ist die Situation unkontrollierbar. Die Regierung erklärt: Die Touristen würden von der Ölpest nichts mitbekommen. Hinter den Badegästen marschieren jedoch die Putzkolonnen die Strände entlang. (Andreas Grünewald/DER STANDARD, Printausgabe, 26.8.2003)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.