Widhölzl hat's geschafft

8. Jänner 2000, 14:27

Der Tiroler holte sich den Tournee-Gesamtsieg


Andreas Widhölzl auf den Schultern seiner Kollegen.
Bischofshofen - Andreas Widhölzl hat sich unter die Großen des österreichischen Skisprungsports eingereiht. Die vierte Konkurrenz der 48. Vierschanzentournee geriet am Dreikönigstag in Bischofshofen zum totalen Triumph des 23-jährigen Tirolers: Mit seinem dritten Tagessieg nach Garmisch und Innsbruck sicherte sich Widhölzl als sechster ÖSV-Springer souverän den Gesamtsieg in dem Traditionsbewerb. Titelverteidiger Janne Ahonen, der den deutschen Doppel-Weltmeister Martin Schmitt auf Platz drei verdrängte, hatte nach acht Sprüngen 24,3 Punkte Rückstand auf Widhölzl.

Widhölzl ist spätestens vor der heurigen Saison endgültig zum Siegspringer gereift. Mit zwei Tagessiegen im Sommer-Grand-Prix hatte er sich das Selbstvertrauen geholt, auf Schnee schloss er nahtlos an seine starken Trainingsleistungen an. Die Tournee brachte den bisherigen Höhepunkt: Nach Rang drei zum Auftakt hinter Schmitt und Andreas Goldberger setzte sich "Swider" just auf zwei Schanzen durch, auf denen er zuvor keine Top-Ten-Plätze erreicht hatte, und behielt im Finale im Duell mit Weltcupsieger Schmitt kühlen Kopf.

Vorentscheidung im ersten Durchgang

Auf dem Außerleitner-Bakken, auf dem er im Vorjahr gewonnen hatte, sorgte er schon im ersten Durchgang für die Vorentscheidung: Widhölzl landete bei der Rekordweite von 131,5 m (bisher Schmitt 129,5), sein Rivale, der zwei Tage zuvor an Bronchitis erkrankt war, musste sich mit 127,0 begnügen. Damit hatte der Fieberbrunner vor dem Finale 21,5 Punkte Vorsprung! In der Entscheidung vermochte Oberstdorf-Sieger Schmitt nicht dagegen zu halten (125,5) und musste sogar noch Ahonen (130,5-128,0) den Vortritt lassen, der Widhölzl in der Tageswertung bis auf 1,6 Zähler nahe rückte.

Widhölzl ging aber noch einmal auf's Ganze. Er segelte auf 129,0 m und hatte damit in den letzten fünf der acht Tourneesprünge für die Bestweite gesorgt. "Es ist toll, wenn man so etwas in Serie produzieren kann", streute ÖSV-Sportdirektor Toni Innauer dem aktuellen "Überflieger" Rosen. Drei Siege in Serie beweisen die mentale Stärke und die Topform des Familienvaters Widhölzl, der mit seinem fünften Saisonsieg, dem insgesamt zwölften, das mit rund 35.000 Fans gefüllte Bradl-Sprungstadion in ein Tollhaus verwandelte.

"Werde mir selbst unheimlich"

"Ich bin total überwältigt, schön langsam werde ich mir selbst unheimlich", sagte Widhölzl. Der Rückzug in den Kreis seiner Lieben während der stressigen Tournee war eines der Erfolgsgeheimnisse des Olympia-Vierten, der noch 1998 in Nagano nach Halbzeitführung zurückgefallen war. Widhölzl: "Ich bin jetzt sehr locker, alles gelingt mir wie von selbst." Für seinen Hausbau im Sommer hat Widhölzl schon nach dem ersten Saisonhöhepunkt einen Teil der Kosten verdient, die drei Siege brachten ihm jeweils 210.000 S brutto, als Prämie für den Gesamtsieg darf er sich einen Audi TT in die Garage stellen.

Seine Teamkollegen Stefan Horngacher, der als Tages-Fünfter geehrt wurde, und der achtplatzierte Andreas Goldberger ("Ich war momentan verärgert, weil ich meinen zweiten Sprung in den Sand gesetzt habe") jubelten mit dem Sieger. "Ich vergönne es ihm, denn er hat im Sommer so viel gearbeitet wie noch nie", sagte Horngacher. Goldberger freute sich "dass das Skispringen in Österreich jetzt wieder einen Boom hat". Er selbst verpasste den angepeilten Podest-Platz und wurde in der Gesamtwertung als Fünfter zweitbester ÖSV-Springer.

Alois Lipburger durfte damit schon nach wenigen Monaten seiner Tätigkeit als Cheftrainer mit dem insgesamt neunten ÖSV-Tourneesieg, dem ersten seit Goldberger 1994/95, den Lohn ernten, der so manchem seiner Vorgänger versagt geblieben war. "Ich freue mich unglaublich, das ist das Schönste, das ich je als Trainer erlebt habe", sagte der Vorarlberger. Er vergaß nicht, das Lob weiterzugeben. "Alle Posten im Team sind optimal besetzt, dazu kommt die ausgezeichnete Struktur des Verbandes." Der frühere Stams-Lehrer hatte es als ausgezeichneter Motivator verstanden, seinen introvertierten Musterschüler optimal einzustellen. "Ich war hundert Prozent sicher, dass er momentan der Beste ist und habe ihm auch das Gefühl gegeben, dass es so ist."


KLASSEMENT/BISCHOFSHOFEN

1. Andreas Widhölzl AUT 271,90 (131,50-129,00)

2. Janne Ahonen FIN 270,30 - 1.60 (130,50-128,00)

3. Martin Schmitt GER 259,00 - 12.90 (127,00-125,50)

4. Sven Hannawald GER 256,20 - 15.70 (124,00-127,50)

5. Stefan Horngacher AUT 254,40 - 17.50 (125,50-124,00)

6. Risto Jussilainen FIN 243,00 - 28.90 (123,00-122,00)

7. Lasse Ottesen NOR 240,00 - 31.90 (122,00-123,00)

8. Andreas Goldberger AUT 238,60 - 33.30 (126,50-115,50)

9. Hideharu Miyahira JPN 237,60 - 34.30 (120,50-121,50)

10. Jani Soininen FIN 235,20 - 36.70 (118,00-123,50)


TOURNEE-ENDSTAND

1. Widhölzl 987,8 - 2. Ahonen 963,5 - 3. Schmitt 960,5 - 4. Hannawald 944,0 - 5. Goldberger 930,9


WELTCUP-STAND

1. Martin Schmitt GER 824

2. Andreas Widhölzl AUT 730

3. Janne Ahonen FIN 526

4. Andreas Goldberger AUT 486

5. Ville Kantee FIN 386

6. Risto Jussilainen FIN 355

7. Hideharu Miyahira JPN 352

8. Jani Soininen FIN 313

9. Masahiko Harada JPN 274

10. Stefan Horngacher AUT 267


NATIONENCUP

1. Finnland 2.184

2. Österreich 1.712

3. Deutschland 1.445

4. Japan 1.165

5. Norwegen 378 (APA)

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