Hollywoodschaukel

24. Dezember 2003, 15:01
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Irgendwer hat Fotos gemacht. Selber schuld. Ich hätte ja aufpassen können, nicht ertappt zu werden. Aber ...

... es gibt jetzt Bilder - und eines landete kürzlich in meiner Mailbox. Ganz ohne bösen Text. Und deshalb ist Leugnen zwecklos. Sich halbherzig und wie ein anständiger Politiker rausreden wäre fad. Und bevor wer anderer es ausposaunt, geh ich lieber in die Offensive: Ja, ich habe mich in die Hollywoodschaukel gesetzt. Ja, ich habe es genossen. Ja, ich bin sicher nicht deshalb darin eingeschlafen, weil ich es unbequem fand.

Grillerei

Es war an einem netten Sommerabend. Wir waren eingeladen. Zum Grillen - eigentlich: zum begrillt werden. Bei sehr netten Leuten in einem netten Garten. Mit einem Pool, den die Gastgeberin treffend vorab als überdimensionalen Kannibalenkochtopf aus Gummi beschrieben hatte. Der, hatte unsere Gastgeberin sich anlässlich der Einladung bereits wortreich entschuldigt, sei zwar ästhetisch, stilistisch, designerisch und wegen mindestens drei weiterer Gründe die alle auf -isch enden, eine Zumutung - aber das Ding sei erstens finanzierbar, passe zweitens in ihren Garten samt Häuslein und wer - drittens und überhaupt - je Kinder in diesen optischen Albtraum springen gesehen habe, werde verstehen. Aber auch wenn ich all das immer als vorstädtisches Spießersetting abtue, sei der Sommer hier auf alle Fälle erträglicher, als in der Garküche der brütenden Stadt.

Wir waren also gewarnt. Und hatten deshalb keine Hemmungen, zu lästern: Über die Stacheldrahtarmierung an den Jäger- und Maschendrahtzäunen ringsum. Über die rautenförmigen Eternitschindeln an den Hausfassaden. Über die Gartenzwergidylle mit See- und Berglandschaft in den Vorgärten. Über die penibel von Häusern zu Schuppen, von Schuppen zu Rosenbeeten, von Rosenbeeten zur Wäschetrockenspinnen, von Wäschetrockenspinnen zu Häusern mit Waschbetonplatten gelegten Wege durch das - natürlich - akkurat geschnittene, gänseblümchen-, löwenzahn- und maulwurfshügelfreie Gras in allen Gärten (mit Ausnahme des unserer Gastgeberin). Über den kugelförmigen Grill, an dem - Grillen ist Männersport - der Freund, der Vater und der Schwiegervater der Gastgeberein mit Fön und Benzin versuchten, Glut zu basteln (die dazugehörigen Damen hielten sicherheitshalber Erste-Hilfe-Kästen und Feuerlöscher griffbereit, taten aber so, als bewunderten sie ihre Buben aus vollem Herzen). Über den Kannibalentopfpool. Über die meterhohen Thujenhecken der Nachbarn. Und über die Hollywoodschaukel. Über die ganz besonders.

Wohnzimmercouchcamouflage

Die Hollywoodschaukel war nämlich eine Hollywoodschaukel, wie ich sie schöner und hollywoodschaukeliger nicht einmal in meiner doch hollywoodschaukelambienteafinen Kindheit im tiefsten Vorgarten- und 70er-Jahre-Gemeindebauwohnungmitbalkonreich Favoritens erlebt hatte. Und auch später, bei den verpflichtenden Schrebergartensonntagmittagschnitzelessbesuchen bei Eltern, Tanten und Großeltern erster Freundinnen hatte ich kein typischeres Mundlfreizeitgartenmöbel - und es waren doch einige Gärten gewesen - gesehen: Mit Baldachin und Fransen. Mit schon leicht rostigen Wippfedern. Mit kuhlig-eingesunken durchgesessenen Pölstern. Und vor allem mit so einer authentischen Fernseheckbank-Bespannung: Wohnzimmercouchcamouflagemuster vom allerfeinsten - schön verwaschen und ausgebleicht, auf dass sich Sport-, Speise-, Schweiß- und sonstige Flecken homogen und diskret in das mattwabernde Textildesign einfügen können.

Zuerst hatten wir gegrinst. Dann bewundert. Hatten angeschubst und mit Kennerohren das leise Quietschen und das schiefe Schaukeln zur Kenntnis genommen. Dann hatten wir pflichtschuldigst Igitt-Mienen aufgesetzt und waren zu den Anderen gegangen. Die saßen alle auf harten, ungepolsterten Heurigenbänken. Wir erzählten Geschichten. Über Favoriten, Schrebergärten, Gemeindebaubalkone und Thujen auf Luxustop-Dachterrassen. (Siehe auch Stadtgeschichte "Balkonien"). A. ergänzte, dass auf der Nachbarluxusterasse unseres Hauses nun auch eine Hollywoodschaukel stehe, sie die dort wohnenden Leute aber noch nie auf der Terrasse gesehene habe. Vermutlich, meinte A., weil die sich eben auch für die Hollywoodschaukel schämten. Und auch die anderen Gäste hatten jede Menge Hollywoodschaukel-, Vorstadtsommergeschichten auf Lager: Wir kamen darin alle unheimlich cool und kultiviert weg. Von den gastfreundlichen Gartenbetreibern konnte man das nicht sagen. Nur unsere Gastgeberin und ihr Grillteam erzählten keine blöden Geschichten über Menschen mit Garten. Sie schmollten demonstrativ ein bisserl, planschten mit den Kindern im Pool, schaukelten auf der Hollywoodschaukel - und grinsten einander zu, während sie einfach abwarteten.

Pickenbleiben

Irgendwann lockerten sich dann nämlich nicht nur die Sitten, sondern auch die Dogmen. Schließlich ist der Härtegrad einer Heurigenbank das Produkt aus Körpergewicht mal versessener Zeit. Und nachdem die ersten Kinder vom Pool auf die Schaukel gewechselt waren und so ihren Müttern tolle Ausreden für kurze Reminiszenzhollywoodschaukeleien geliefert hatten, saß ich - man will beim Plaudern ja nicht auf seine Gesprächspartnerin herunterschauen - halt auch auf dem Ding. Und blieb picken. Angeblich ziemlich lang. Irgendwann hat mich A. wach gerüttelt und gemeint, es wäre Zeit aufzubrechen. Ich dürfe, ergänzte unsere Gastgeberin, aber gerne wieder kommen und mich in ihrem Garten in den Schlaf schaukeln. Sie und A., lachten die beiden, würden das schon nicht laut herausposaunen. Und auch die anderen Gäste wären garantiert alle verschwiegen. Dann prusteten die beiden laut los.

Ein paar Tage später kam das Mail mit den Fotos. Und A. hat mir einen Baumarktkatalog auf den Tisch gelegt: Hollywoodschaukeln sind nämlich gar nicht so teuer. Und im Notfall behaupte ich in Zukunft einfach einfach, A. habe das Ding gekauft.

Nachlese

--> Ali Baba
--> Flashmobs

--> Abschied vom Dachschwimmbad
--> Lerchenfelder Straße
--> Gusis Gartenwall
--> Blumen des Bösen
--> Weitere Stadtgeschichten ...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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Panorama
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