Ringen um Normalität

26. August 2003, 01:00
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Kommentar: Frauentypische Lehrberufe gehören ausgeweitet, solange, bis es den Vorsatz "Frauen-" nicht mehr braucht

Traurig, dass sich immer noch so viele Mädchen im Lehralter für frauentypische Berufe entscheiden. Noch trauriger, dass es außer den Bildungsberatungsstellen und mancher/m PolitikerIn niemandem auffällt. Zwei Drittel aller weiblichen Lehrlinge teilen sich zwischen fünf verschiedenen Berufen auf, was Eltern, Schule und nicht zuletzt die betroffenen Mädchen wenig interessiert. Die Eltern schieben die Berufswahl der Kinder auf ihre persönlichen Interessen und Begabungen, den Töchtern fehlt die Weitsicht, die Konsequenzen ihrer Entscheidung realistisch einzuschätzen.

Dabei wäre eine Vitalisierung dieser Komponenten besonders wichtig, wenn sich in der Berufswahl von Mädchen tatsächlich etwas verändern soll. Im Unterschied zu den jungen Frauen, die mit 18 oder 19 entscheiden, welche Ausbildung bzw. welchen Studiengang sie wählen, handelt es sich bei 15-jährigen Teenagern nämlich noch um Kinder, die eine der größten Entscheidungen ihres Lebens sehr früh zu treffen haben. Natürlich heißt das nicht, dass sich 18-jährige Mädchen weniger geschlechtertypisch entscheiden. Sie verfügen aber immerhin über ein Mehr an geistiger Reife und haben die Chance, sich zwischen mehr als fünf Berufszweigen zu entscheiden.

Die Wichtigkeit von Rollenmodellen

Die Gründe für die derzeitigen Verhältnisse sind leicht zu benennen, dafür aber um so schwerer zu beseitigen. Einig sind sich ExpertInnen dahingehend, dass den Mädchen weibliche Rollenmodelle fehlen. Und zwar weniger die Vorzeige-Mechanikerin aus dem Beratungszentrum, sondern mehr die Biographie der Nachbarin oder der Cousine zweiten Grades. Nur sie können Selbstbewusstsein vermitteln oder ersetzen, mit ihnen verlieren Mädchen die Angst, in männertypischen Berufsfeldern eine alienhafte Existenz unter Männern führen zu müssen.

Gerade für Mädchen mit noch geringen ausgeprägten Interessen wäre diese niederschwellige Identifikationsmöglichkeit besonders wichtig. Heute kommt ein Ausscheren aus dem traditionellen Berufsbild einer Exzentrik gleich, zu der viele Mädchen schon allein aufgrund ihres Alters und der sozialen Verhältnisse nicht in der Lage sind. Oftmals fehlt in der Zeit der Entscheidungsfindung auch die Einsicht, den Weg der Normalität verlassen zu müssen, besonders dann, wenn Eltern und das Umfeld dazu drängen.

Neue Welt

Frau stelle sich vor, dass die Schwester der Freundin nicht mehr im Büro sitzt, sondern als Monteurin im eigenen Auto durch die Straßen kreuzt. Dass sich die Tante nicht als Altenpflegerin verdingt, sondern als Tischlerin im eigenen Unternehmen. Dass die Mutter ihren Computer selbst aufsetzt und Männer sich für Hausarbeit nicht mehr zu schade sind. In so einem Umfeld könnten Mädchen freier und leichter entscheiden, was sie werden wollen und von den Chancen, die der männlichen Arbeitswelt bereitgestellt werden, profitieren.

Nicht zuletzt bleibt die Frage, warum ausgerechnet immer die sogenannten Frauenberufe mit einem niedrigen Lohnniveau, geringen Aufstiegschancen und kränkendem sozialen Status verbunden sind. Vielleicht könnte die derzeitige Polit-Prominenz darüber einmal in Alpach diskutieren. (freu)

26.08.2003
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    Initiativen für Frauen in technischen Berufen gibt es mittlerweile viele. Im Bild: Mädchen beim "Girls Day" im Ford Motoren-Werk
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