Südtiroler Neonazis: Ihr Kampf

18. Mai 2014, 09:00
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Trotz schwieriger Verhältnisse versucht eine Mutter ihre drei Söhne von den Südtiroler Neonazis fernzuhalten. Vergeblich. Das Protokoll eines Scheiterns

Es gibt diese Momente, in denen sie losbrüllen könnte wie früher, Salatschüsseln zerschmettern und Teller schmeißen. Aber sie will vergessen, wenn sie am Küchentisch mit ihrem Sohn sitzt. Sie sieht nicht hin, wenn ihr Jüngster aus der Dusche kommt und sich an seiner rechten Brust die Hitlerjugend wölbt. Marta Lechner (alle Namen der Familie geändert), die Haare burschikos, die Kleidung unauffällig, sagt über sich: "Ich bin die Mutter dreier gesunder, liebenswürdiger, hart arbeitender Söhne." Aber Marta Lechner, deren Alter von 52 Jahren eher ihre Zähne als das schmale, jugendliche Gesicht verraten, sagt auch: "Ich bin die Mutter dreier Neonazis."

Der Tag, der ihr Leben verändert, endet mit einer zerdrückten Torte auf ihrem Kleid. Marta ist 18 Jahre alt, als sie an einem lauen Sommerabend mit Freunden auf die bestandene Gesellenprüfung zur Konditorin anstößt und den letzten Bus verpasst. Da fährt ein junger Mann auf einem Motorrad vorbei, lächelt und fragt, ob er sie irgendwo hinbringen dürfte. Sie lächelt zurück und steigt auf. Die Geburtstagstorte, ihr Gesellenstück, quetscht sie zwischen sich und Erwin. Zu Hause schüttelt die Mutter den Kopf, als die Tochter mit der zerdrückten Torte und dem fremden Jungen ankommt, und sagt: "Er wird dir den Ruin bringen."

Aber zuerst werden Marta und Erwin ein Paar. Sie ist nicht richtig verliebt, er tat ihr leid, sagt sie heute. Sie will ihm helfen, auch wenn Erwin oft grob ist und ihr manchmal Angst einjagt. Furchtbar, wie es bei ihm zu Hause zugeht, viele Schläge, wenig Worte. Marta ist das achte Kind einer harmonischen Familie. Soll sie ihn verlassen, fragt sich Marta, aber da ist sie schon schwanger. Als ihr Sohn Roland neun Monate alt ist, erwartet sie wieder ein Baby. Die Beziehung kriselt, sie trennt sich von Erwin. Ihre Chefin gibt ihr die Adresse eines Arztes, der das Kind wegmachen kann. Im Wartesaal schreckt Marta auf und geht nach Hause. Markus kommt zu früh zur Welt, ist klein, aber gesund und Marta überglücklich. Erwin treffen sie zunächst nur an den Wochenenden, aber die Kinder sollen nicht ohne Vater aufwachsen. Nach einem Jahr ziehen sie zu ihm, sind nun doch eine Familie.

Marta steht als Erste auf, geht als Letzte ins Bett. Sie kümmert sich um ihren Haushalt und den des Schwiegervaters, der über ihnen wohnt. Anstatt es ihr zu danken, tyrannisiert er sie. "Marta, alles, was du machst, ist falsch." Der Frührentner sitzt meist angetrunken auf dem Balkon, stichelt und stänkert, genau wie die Großtante, die im Haus lebt. Vor dem Mittagessen stopft sie die Kinder mit Süßigkeiten voll. Marta muss ihre Söhne in der viel zu kleinen Wohnung spielen lassen, weil im Garten der Opa lauert. Es kommt vor, dass er sich an den Enkelkindern vergreift. An einem Tag schlägt er dem Ältesten so fest mit einem Stock auf den Rücken, dass dieser blau im Gesicht nach Luft ringt. Als Marta Hilfe bei ihrem Partner sucht, sagt der: "Du musst das selbst mit ihm auskämpfen."

Jahre vergehen, Marta trennt sich von Erwin und versöhnt sich mit ihm und wird zum dritten Mal schwanger. Als der Arzt ihr mitteilt, dass sie wieder einen Jungen erwartet, weint sie vor Enttäuschung. Der Einzige, der sich in dieser Zeit liebevoll um sie kümmert, ist Markus, gerade fünf. Der Älteste wird zum Blitzableiter, kriegt allen Ärger ab, vom Opa, dem Vater, der Großtante. In der Schule gibt er seltsame Töne von sich, pfeift, stört die Klassengemeinschaft.

Die Geburt ihres Jüngsten wird für Marta zum Trauma. Als die Wehen einsetzen, ist sie allein zu Hause, den ganzen Tag über kann sie Erwin nicht erreichen. Irgendwann fällt er betrunken durch die Wohnungstür. Er kann ihr nicht helfen. Sie weint, er schläft ein. Marta ruft einen Krankenwagen. Allein watet sie durch den dichten Schnee zur Hauptstraße, in der einen Hand ihre Tasche, mit der anderen hält sie sich am Zaun fest. Die Sanitäter erschrecken, als sie Marta sehen. Ein Häufchen Elend, das nun ein Kind gebären soll. Daniel hat die Nabelschnur zweimal um den Hals gewickelt, aber kommt gesund zur Welt. Sie hält ihn im Arm und denkt: Er sieht aus wie sein Vater.

Als Daniel zehn Monate alt ist, plant Marta ihren Selbstmord. Sie will sich in der Küche vergasen, zusammen mit den Kindern; ihre Söhne sollen nicht beim Vater zurückbleiben. Von der Schwägerin wird sie rechtzeitig zurückgehalten. Auch Erwin möchte nicht mehr leben. Einmal spannt er einen Strick im Dachboden. Ein andermal steht er beim Mittagessen auf, holt ein Küchenmesser aus dem Schrank, hält es sich an den Puls und sagt zu den Söhnen: "Schaut doch mal her, was euer Vater macht!" Marta kann ihn beruhigen und versteckt später alle Messer. Ruhe kehrt trotzdem keine ein, auch nachts nicht. Erwin wirft sie aus dem Bett, wenn Marta seinen Wünschen nicht nachgibt. Sie flüchtet ins Kinderzimmer, während der Vater versucht, mit Gewalt die Tür aufzubrechen.

Marta organisiert sich eine neue Wohnung in einem anderen Ort. An dem Tag, an dem sie die Schlüssel erhält, geht eine Gasflasche im alten Wohnzimmer in die Luft. Zusammen mit Erwin, der vorher reichlich Alkohol getrunken und Tabletten genommen hat. Marta kommt zu spät, wollte eigentlich mit den Kleinen ihre Sachen holen. Seine Haut verbrennt zu 90 Prozent, und er stirbt zwei Tage später an einer Lungenembolie. Die Kinder sind drei, acht und zehn, als sie den Vater verlieren. Der Opa sagt: "Die Mama ist schuld." Sie hat die Kinder nie gefragt, ob sie das glauben.

Marta stürzt sich in Arbeit, morgens putzt sie Zimmer, nachmittags spült sie Geschirr, abends kellnert sie in einer Bar. Am Nachmittag nimmt sie ihre Söhne mit, am Abend sperrt sie sie zu Hause ein. Die Kinder können sich im neuen Ort nicht integrieren. Sie sind die Neuen, die nicht dazugehören. Von den Mitschülern werden sie mit Dreck beworfen. Der Zweite kommt besser zurecht als der Älteste. Marta steckt Roland ins Internat, auch dort kommt es zu Problemen mit dem Klassenlehrer, trotzdem schafft er seinen Abschluss. 1996 beginnt er eine Lehre als Karosserieschlosser. Markus wird Maurer, so wie ein paar Jahre später Daniel.

Nun beginnt eine neue Zeit für Roland und Markus. Endlich gewinnen sie Freunde und bleiben abends öfters weg. Marta ist froh, dass sie Anschluss finden, aber bald fangen sie an, diese aggressive Musik zu hören. Sie tauschen die Turnschuhe mit klobigen Stiefeln, ziehen Pullover mit merkwürdigen Sprüchen an und scheren sich ihre Haare kurz. Marta missfällt das. 16 ist Roland, als er gemeinsam mit einem Freund an der Grenze zu Österreich mit Schlagstöcken im Kofferraum erwischt wird.

Ein Jahr später: Jugendgericht. Roland und Markus sitzen inmitten einer Horde von Glatzen in Bomberjacken. Schlägerei mit Ausländern lautet die Anklage. Bei allen sind die Eltern anwesend, Marta sitzt allein da. Ihre Söhne werden zu sechs Monaten Sozialarbeit verurteilt. Als Einzige der Angeklagten müssen sie die Anwaltsrechnungen aus eigener Tasche bezahlen. Nach dem Urteil tragen sie wieder normale Frisur und Kleidung, vor der Richterin zeigen sie Reue. Marta hat das Gefühl, dass die Aussagen ehrlich gemeint sind. Trotzdem will sie mit den anderen Eltern sprechen. Die aber wollen vergessen. Von Neonazismus will in der Südtiroler Touristenhochburg, wo fast nur Deutsche urlauben, niemand etwas hören. In Prospekten stellt sich die knapp 3000 Einwohner zählende Gemeinde als "heile Welt" dar. Heil, wie ironisch, denkt Marta.

Bald findet sie neue T-Shirts mit Sprüchen wie "Von der Wiege bis zur Bahre ist Deutschland das einzig Wahre". Kataloge aus Deutschland flattern ins Haus, sie fängt sie ab und zerschneidet sie, genauso wie die Kleidung ihrer Söhne. Die CDs mit rechtsradikaler Musik zerstört sie. Die Jungs toben, die Mutter noch mehr. Roland druckt eigene T-Shirts mit der Aufschrift "Südtirol bleibt deutsch" und verkauft sie. Früher, im alten Dorf, hat er noch Fußball mit den Italienern gespielt. Ist denn das alles vergessen, fragt Marta. Er grinst nur. Daniel, der Jüngste, leidet unter der Situation: "Mama, warum machen die das?"

Selbsthilfegruppe besuchen

Nachts fährt Marta ihren Söhnen hinterher, sieht, wie der Älteste Passanten grundlos anpöbelt. Samstagabends parkt sie stundenlang vor ihrem Treffpunkt und beobachtet, wie sich die Jungs volllaufen lassen. Weil sie sie lieber zu Hause sieht, wird Martas Wohnung zum Neonazitreffpunkt. So kann sie lauschen, ihre Aktionen kontrollieren. Sie sucht das Gespräch mit den Söhnen und deren Freunden, liest sich in ihre Welt ein. Es war schon immer ihr Problem, jedem helfen zu wollen, sagt Marta. In ihrem Tagebuch notiert sie: "Ich glaube, ich muss eine Selbsthilfegruppe besuchen, in der ich endlich NEIN sagen lerne."

2004 werden die ersten Häuser durchsucht. Ein paar Jungs, die fünf Jahre vorher mit Martas Söhnen verurteilt wurden, werden festgenommen. Roland und Markus bleiben verschont. Die anderen Neonazis wundern sich darüber, einige vermuten, Marta würde mit den Ordnungshütern zusammenarbeiten. Niemand der Außenstehenden kennt die Szene so gut wie sie. Marta geht wieder eine Beziehung ein, die Neffen ihres Freundes sind auch in der Szene, die beiden tauschen sich darüber aus. Die Wochenenden verbringt sie nun oft nicht zu Hause bei ihrem Jüngsten. Heute bereut sie das.

Die Großen machen ohnehin, was sie wollen. Roland ist das Gegenteil von Markus. Er ist labil und aggressiv, lässt sich überall mitziehen. Marta kann ihn nicht davon überzeugen, dass Gewalt keine Probleme löst. Als der Anführer, ein studierter Hoteliersohn, den Ort verlässt, um in anderen Gemeinden Südtirols Naziszenen aufzubauen, wird Roland die treibende Kraft. Nun bleibt auch Daniel nicht mehr allein zu Hause. Er sieht zu den Brüdern auf, besonders zu Roland. Bei jeder Schlägerei ist er dabei. An Sonntagen begrüßt er die Kirchgänger mit dem Hitlergruß. Seit er 18 ist, verewigt er seine Einstellung auf seinem Körper. Er lässt sich eine Lanze auf den Rücken tätowieren, ein SS-Zeichen auf den Unterarm, die Hitlerjugend auf die rechte Brust. Bis auf Hals und Gesicht bleibt bald keine Stelle mehr frei. "Es widert mich an", sagt Marta zu ihm.

Wie sie diese Hütte hasst, schreit sie die Söhne an. Niederbrennen soll sie. Auf einem Privatgrundstück haben sich die Neonazifreunde eine Höhle für verbotene Feiern eingerichtet: Dort zelebrieren sie Hitlers Geburtstag und die Sonnenwende. Markus und Roland stecken von allen am meisten Zeit und Geld in den Bau, dokumentieren ihn in einem Album. Nach einer Party finden Martas Gebete beinahe Gehör: Ein Teil der Hütte fängt an zu brennen, Feuerwehr und Polizei werden gerufen und sehen die nationalsozialistischen Bilder und Fahnen an den Wänden. Niemand unternimmt etwas.

Seit sie sich in der Hütte treffen, pöbeln die Söhne nicht mehr im Dorf herum, Roland tauscht nun Stiefel und Bomberjacke mit Trachtenhemd und Lederhose. Marta ist beruhigt, das kann nichts Böses bedeuten, denkt sie. Er tritt einer neuen Gruppe, dem "Südtiroler Kameradschaftsring" bei. Die Mitglieder organisieren Gedenkfeiern für rechtsradikale Freiheitskämpfer.

2006 kontrolliert die Polizei auch bei Marta zu Hause. Als ob sie es geahnt hätte, vernichtet sie am Tag zuvor alles Extreme. Daniel schaut sie dankbar an. Am Abend sagt er mit einem Grinsen: "Gut, dass der Dachboden groß genug ist." Marta ist erleichtert und enttäuscht zugleich. Streetworker werden eingesetzt, aber nach der dritten Sitzung fällt den Verantwortlichen ein, dass sie keinen Antrag auf Finanzierung des Projektes gestellt haben. Wie kann so ein Fehler passieren, fragt Marta. Sie ist wütend, sucht erneut Kontakt zu anderen Eltern. Aber die sind überzeugt: "Unsere Buben machen nichts Schlimmes."

Eines Abends kommt der 19-jährige Daniel von der Arbeit nach Hause und spricht Marta mit Oma an, bald wird er Vater. Hoffentlich verlässt er jetzt diese Kreise, denkt sie. Ihr Enkel kommt zur Welt, mit blauen Augen und blondem Haar. "Ein richtiger Arier", strahlt Daniel. Er nennt ihn mit zweitem Namen Arian und hängt ihm eine Thor-Steinar-Kette um den kleinen Hals. Dem Kleinen bringt er bei, den Arm zum Hitlergruß zu heben und die Zunge herauszustrecken, wenn ein Schwarzer im Fernsehen zu sehen ist. Er will einen "kleinen Hitler" aus ihm machen, so wie das viele in Deutschland tun, die er kennt. Im selben Jahr wird auch Roland, der Älteste, Vater von Zwillingsmädchen. Seine Freundin stellt ihm ein Ultimatum: die Neonazis oder deine Familie. Langsam zieht er sich aus der Szene zurück.

Seine Freunde aber schnüren die Bande zu den deutschen Kameraden enger. Einige der Südtiroler Neonazis fahren 2007 zum Trauermarsch nach Dresden und marschieren in der Nähe der deutschen Rechtsextremistin Beate Zschäpe. Im selben Jahr besuchen sie den Chemnitzer Nazi Hendrik Lasch, Freund von Uwe Mundlos und Inhaber des rechten Versandes PC Records, der drei Jahre später den Dönersong herausgibt. 2008 demonstrieren die Südtiroler erneut in Dresden unter 3000 Rechten, tragen die Südtiroler Fahne und ein großes Transparent mit dem Schriftzug "Großvater, wir danken dir". Bei anderen Fahrten nach Deutschland sind sowohl Roland als auch Daniel dabei. Nach Dresden aber fahren Martas Söhne nicht. Sie wissen, dass sie dort kontrolliert werden.

Nun kommen die Kameraden aus Deutschland und Österreich auf Besuch. 2007 ist auch deutsche Neonazi Ralf Wohlleben mit von der Partie. Er nimmt teil an den "Andreas Hofer Wander- und Vortragswochen", die seit 2003 Rechtsextremisten aus halb Europa als Treffen dienen. Nach dem Feierabend zieht es die Jungs in die Hütte, wo sie Schulungen der deutschen Kameraden erhalten. Sie hätte die Söhne betäuben müssen, um sie davon abzuhalten, erinnert sich die Mutter.

Mama, komm sofort!

Unter den Decken in Markus' Zimmer findet Marta Fotos, die ihren Sohn in SS-Montur zeigen. Er, der doch der Vernünftigste der drei ist. Der sie nicht anflunkert, wie es Daniel oft tut. Markus verspricht der Mutter, sie zu entsorgen. Aber da ist auch seine Frisur, den Scheitel gekämmt wie seinerzeit Hitler. Die Jugendlichen scheinen wie in einem Wahn gefangen. Und Marta fragt sich, wie lange alle zuschauen wollen, bis der erste Tote zu beklagen ist.

17. April 2008: Seit über einem Jahr überwacht die italienische Staatspolizei 62 Südtiroler Neonazis, gut ein Dutzend davon ist minderjährig. An diesem Tag wird die Hütte gestürmt und 50 Häuser durchsucht, auch bei Martas Söhnen. Roland wohnt nicht mehr zu Hause, die beiden Jüngeren schon. Markus ruft sie kurz vor sieben Uhr an: "Mama, komm sofort." Zehn Minuten später ist sie da, drei Polizeiautos stehen in der Einfahrt. Genauso wie die Nachbarn, Mund und Augen weit geöffnet. Die Polizei stellt die Wohnung auf den Kopf, als Letztes kontrolliert sie das Bügelzimmer. Markus wird blass im Gesicht, unter der Wäsche hat er die Hitlermontur versteckt, samt einem Bajonett aus dem 16. Jahrhundert. Martas Geschwister kommentieren: "Das kommt davon, wenn man nicht auf seine Kinder aufpasst."

Die Aktion "Odessa" zerschlägt den Neonazikreis, 16 Buben werden festgenommen, wieder bleiben Martas Söhne verschont. Nach der Verhaftungswelle kann die Gemeinde die Entwicklungen nicht mehr unter den Teppich kehren. Die negativen Schlagzeilen haben die Postkartenidylle beschmutzt. Panikartig versucht man das positive Image des Dorfes zu retten. Jugendliche beschmieren die Eingangstür der Schule mit Hakenkreuzen. Die Lehrer raten, den Vorfall zu ignorieren.

Seit knapp zehn Jahren kämpft Marta nun gegen die Szene an. Nach knapp sieben Jahren trennt sie sich von ihrem Partner, er ist nicht für sie da, wenn sie ihn braucht. Ein paar Monate später stirbt ihre Mutter, ihre einzige Vertraute. Marta hat ihre Kraft aufgebraucht. Sie will sich nicht mehr gegen die Söhne stemmen, sie sind die Einzigen, die ihr bleiben. Am 30. Jänner 2009 schreibt sie in ihr Tagebuch: "Der Schmerz bleibt, aber die Tränen werden weniger." Wochen später notiert sie: "Schiebe alle Menschen und Dinge zur Seite, dir mir nicht gut tun, und zu 90 Prozent gelingt es mir recht gut."

Wenn Marta an die Zeit denkt, verzieht sich ihr Gesicht. Sie lacht nicht viel, aber wenn sie es tut, senkt sich ihr Blick, so als ob sie ihn verstecken möchte. Mit den Jahren ist etwas Ruhe in ihr Leben eingekehrt. Sie hat nur noch einen Job und nicht drei wie früher. Von 6 Uhr bis 9.30 Uhr putzt sie in einem Kaufhaus, im Sommer sucht sie Alteisen und verkauft es in größeren Mengen.

Roland, Markus und Daniel sind heute 33, 32 und 26 Jahre alt. Zu Hause wohnt nur noch der Jüngste. Das Vergessen wird leichter, sagt Marta. Die beiden Ältesten helfen ihr dabei, an ihre aktive Zeit als Neonazi wollen sie nicht erinnert werden. Und Marta spricht Themen nicht an, die den Nazi in ihnen herausholen. Lange war es still um die Szene in Südtirol. Aber die Rumore werden wieder lauter. September 2013 auf einem Dorffest unweit von Martas Zuhause: Der DJ legt Südtirol der Deutschrockband Frei.Wild auf, Jugendliche heben ihre Hand zum Hitlergruß, im Hintergrund erklingt: "Südtirol, deinen Brüdern entrissen / Schreit es hinaus, dass es alle wissen / Südtirol, du bist noch nicht verlorn / In der Hölle sollen deine Feinde schmorn."

Ihr Kampf war umsonst, denkt Marta, wenn der Jüngste Sätze von sich lässt wie "Einen Hitler bräuchte es". SS-Fahnen und die Nummer 88, die für Heil Hitler steht, hängen wieder an Daniels Zimmerwand. Er ist alt genug, um selbst zu entscheiden, sagt seine Mutter. Daher überhört sie die Musik, die aus seinem Zimmer dröhnt, und CDs zerstört sie schon lange keine mehr. Wenn Daniel wieder ins Tattoostudio fährt, ignoriert sie das. Sie schweigt, wenn er zurückkommt und sagt: "Mama, schau doch mal her, was dein Sohn gemacht hat!" (DER STANDARD, 17.5.2014)

Barbara Bachmann, geboren 1985, ist freie Journalistin und lebt in Südtirol. Sie studierte Politikwissenschaften, Germanistik und Spanisch an der Universität Innsbruck und ist Absolventin der Zeitenspiegel Reportageschule. Sie arbeitet bevorzugt im Süden: Südtirol, Südeuropa und Südamerika.

  • Sie tauschen die Turnschuhe mit klobigen Stiefeln, ziehen Pullover mit merkwürdigen Sprüchen an und scheren sich die Haare kurz.
    foto: apa/dpa

    Sie tauschen die Turnschuhe mit klobigen Stiefeln, ziehen Pullover mit merkwürdigen Sprüchen an und scheren sich die Haare kurz.

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