Fall Gustl Mollath: Von der Anstalt auf die Piste

18. Mai 2014, 12:00
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Im Sommer 2013 war Gustl Mollath, Deutschlands berühmtester Psychiatrie-Insasse, plötzlich freigelassen worden. Seitdem reist der Mann aus Nürnberg durch die Republik, widmet sich seinem geliebten Motorsport - und denkt doch immer auch an den neuen Prozess

Mit dem 16 Jahre alten silbernen Mercedes-Coupé fährt er vor zu der kleinen Rennstrecke. Er drückt so plötzlich aufs Gas, dass man in den Sitz hineingepresst wird. Dann auf die Bremse, eine Rechtskurve folgt. Schnell wieder Gas, Bremse, 90 Grad nach links, Haarnadelkurve rechts, bergauf und bergab.

"Ich fahre diese Strecke zum ersten Mal", sagt Gustl Mollath ganz beiläufig. Da hält sich der Beifahrer noch krampfhafter irgendwo fest. Mollath ist an diesem Tag Instruktor. Von ihm sollen die Teilnehmer auf der ADAC-Übungspiste im fränkischen Schlüsselfeld lernen, wie man bei einem Rennen sicher fährt.

"Schwarzgeld-Wahn"

Hier nennen ihn alle den "Gustl" - jenen Gustl Ferdinand Mollath, der im vergangenen Sommer in Bayreuth aus der Gefängnispsychiatrie entlassen worden war. Siebeneinhalb Jahre hatte er dort verbringen müssen, er galt als gemeingefährlich und von einem krankhaften "Schwarzgeld-Wahn" befallen. Der 57-Jährige ist ein wenig fülliger geworden, das Haar ist grauer seit dem Treffen im November 2012 hinter Gittern.

Am 8. August 2006 war Mollath vom Landgericht Nürnberg zwar freigesprochen worden - aber nur wegen angeblicher Schuldunfähigkeit aufgrund einer psychischen Erkrankung. Mollath soll seine Ehefrau geschlagen und die Autoreifen von vermuteten Gegnern zerstochen haben.

Im Scheidungskrieg warf er seiner Frau Petra, einer Vermögensberaterin der Hypo-Vereinsbank, vor, für die Kunden hohe Summen an Schwarzgeld in die Schweiz zu transferieren.

Mollaths "nachprüfbare Behauptungen"

Mollath schickte viele Anzeigen mit Behauptungen, Namen und Zahlen an die Staatsanwaltschaft, an Gerichte, an Politiker - ohne Erfolg. Erst Ende 2012 stellte sich durch einen internen Bankbericht heraus, dass Mollaths "nachprüfbare Behauptungen" zutreffend waren.

Seine Frau ließ sich von einer Ärztin ein fragwürdiges Attest über angebliche Verletzungen ausstellen, das allerdings nur vom Sohn der Ärztin unterschrieben war. Eine Psychiaterin bescheinigte ihr, dass Mollath "mit großer Wahrscheinlichkeit an einer ernstzunehmenden psychischen Erkrankung" leide. Die Ärztin hatte Mollath nie gesehen.

Sein Freund Edward Braun, Oldtimer-Fan und an diesem Tag mit Mollath auf der Rennstrecke, erinnerte sich, was ihm Petra Mollath einmal gesagt haben soll: "Wenn Gustl meine Bank und mich anzeigt, mache ich ihn fertig." Braun hat dies so an Eides statt versichert. Petra M., die neu geheiratet hat, widerspricht der Darstellung. Auf eine Anfrage reagiert sie nicht.

Neues Verfahren im Juli

"Das Auto hat mir der Eddie geliehen", sagt Gustl Mollath über das Mercedes-Coupé. "Nicht dass die Leute denken, dass mich der Reichtum überkommen hat." Am 7. Juli beginnt vor dem Landgericht Regensburg das Wiederaufnahmeverfahren.

Eine Verschlechterung des Urteils ist nicht zulässig - Mollath war freigesprochen worden. Theoretisch denkbar wäre aber, dass man erneut seine psychische Verfassung hinterfragt.

Als Beifahrer coacht Mollath nun einen jüngeren Arzt aus Bayern, der einen Oldtimer fährt. Dieser erzählt, dass er damals, als der Fall für Aufsehen sorgte, bei der Menschenrechtsbeauftragten der bayerischen Ärztekammer protestiert habe. "Ich fand das unerträglich", erinnert er sich, "ich habe mich fremdgeschämt."

Ein neuer Personalausweis

Zu seiner Ex-Frau hat Mollath keinen Kontakt mehr. Nach dem Prozess 2006 stand er für zwei Monate unter "vorläufiger Betreuung", war also in dieser Zeit entmündigt. Petra M. hatte währenddessen sein Elternhaus zwangsversteigern lassen und die Wertsachen offenkundig verramscht. "Wo ist meine Habe?", ruft Mollath immer wieder. Seine Stimme wird scharf: "Es ist wie im falschen Film."

Gustl Mollath hat einen neuen Personalausweis, doch er ist nirgendwo gemeldet. "Freunde geben mir Obdach." Er ist dankbar für die Spendengelder aus der Bevölkerung. Dauerhaft möchte er wieder in Nürnberg leben, in einer Kfz-Werkstatt arbeiten oder im Flugzeugbau, es gibt Angebote. (Patrick Guyton aus Schlüsselfeld, DER STANDARD, 17.5.2014)

  • Sieben Jahre saß Gustl Mollath in der Psychiatrie. Seine Frau hatte ihn der Gewalt bezichtigt, er sie der Schwarzgeldgeschäfte.
    foto: guyton

    Sieben Jahre saß Gustl Mollath in der Psychiatrie. Seine Frau hatte ihn der Gewalt bezichtigt, er sie der Schwarzgeldgeschäfte.

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