Wettern gegen die "Waschlappen in Washington"

18. Mai 2014, 12:00
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In Kentucky Matt Bevin von der Tea Party sagt der grauen Eminenz der Republikaner, Mitch McConnell, den Kampf an

Im Bundesstaat Kentucky fällt in wenigen Tagen die Vorentscheidung, wer den Staat künftig im US-Senat vertreten soll.

Die Hymnen sind abgesungen, ein Reverend hat um Gottes Segen gefleht, eine Ehrengarde das Sternenbanner einmal quer durch die neonhelle Basketballhalle getragen. Gleich lässt die Leiterin der Tombola wissen, wer das Kochbuch mit Rezepten Nancy Reagans gewann - aber zuerst hat Matt Bevin seine dreißig Sekunden.

Kandidatenkür in Monticello, im Süden Kentuckys, wo sich die ortsansässigen Republikaner zum alljährlichen Ronald-Reagan-Dinner versammelt haben. Bier und Wein sind tabu, denn das Wayne County versteht sich als "trockener" Landkreis. Dunkle Gesichter sucht man vergeblich: Die Grand Old Party ist hier durchwegs weiß - und ziemlich grau. "Ich bin der Einzige auf der Liste, der Arbeitsplätze geschaffen hat", tönt Bevin, deshalb möge man ihn in den Senat nach Washington entsenden. Ihn, den Quereinsteiger, den Praktiker - und nicht Mitch McConnell, den Berufspolitiker, den Theoretiker. Danke, setzen!

Sie kann Demut lehren, die amerikanische Basisdemokratie. Zwei Dutzend Bewerber stellen sich vor - und jeder hat bloß drei, vier Sätze dafür, egal, ob es der Hüne ist, der Sheriff werden möchte, oder Ray Upchurch, der Gefängnisdirektor bleiben will.

Später baut sich Bevin an der Hallentür auf und schüttelt jedem die Hand. Mancher schlängelt sich so hastig an ihm vorbei, als sei der Mann ein Aussätziger. Aber es gibt auch solche wie Bonnie Meyer, die sich in ein Gespräch verwickeln lassen. Bevin erzählt der Oma von seinen neun Kindern - vier sind adoptiert, aus Äthiopien. Irgendwann sagt Bonnie, sie finde Matt nett, und nimmt unauffällig den blau-weiß-roten Mitch-Sticker von der Weste.

Mitch: Das ist Mitch McConnell, der mächtigste Konservative im US-Senat - de jure Sprecher der republikanischen Fraktion, de facto ihr erfahrendster "deal maker". Ein staubtrockener Redner, dessen Stärke es ist, im Stillen an Kompromissen zu feilen. 72 Jahre alt, seit 1985 Senator. Eine graue Eminenz. Von ihm stammt der Satz, am allerwichtigsten sei, Barack Obama nach nur einer Amtszeit abzulösen. Die Realität hat den Satz überholt.

Bei den Vorwahlen am 20. Mai will die Tea Party den Platzhirsch besiegen, um Bevin ins herbstliche Duell gegen die Demokraten zu schicken. Gelingt es, wäre es ihr lautester Paukenschlag überhaupt. Scheitert der Plan, könnte das Establishment sagen, es habe die Rebellen endgültig abgewehrt. Es geht um viel in Kentucky.

Bevin und die Tea Party sind ein seltsames Tandem: Man spürt das bei der Grillparty in Lexington, der Metropole der Pferdezucht. Eher lustlos spult der Geschäftsmann das Standardprogramm herunter: Von den Gründervätern lernen, die Macht des Bundes beschneiden, Sozialausgaben kürzen, sonst ende es wie im Sozialismus. In Fahrt kommt er erst, als er gegen die "Waschlappen in Washington" wettert: Wer zu lange in der Hauptstadt sitze, der werde arrogant wie ein Kaiser. "Sie verschwenden Geld, dessen Wert sie nicht zu schätzen wissen. Steuerdollar. Das Geld des Volkes."

Millionär in Klapperkiste

Der 47-Jährige ist mehrfacher Millionär - was ihn nicht daran hindert, in einem sehr betagten Chevy Suburban über die Lande zu fahren. Er war Artillerie-Offizier, durchquerte Amerika von Oregon bis Florida auf einem Fahrrad und rannte mit den Bullen durch Pamplona. Aufgewachsen ist er in den Wäldern New Hampshires als zweites von sechs Kindern, der Vater Arbeiter in einem Sägewerk. "Keine Tankstelle, keine Schule, kein Postamt, zu Hause nur ein Plumpsklo." Bevin genießt es, vom schweren Start ins Leben zu erzählen. Zumal es alles auf eine Zeile zuläuft: "Ich bin David, Mitch ist Goliath."

Als Investmentbanker scheffelte er ein Vermögen - und misst man es an der reinen kapitalistischen Lehre, die er verkündet, gibt es ein paar Schwachstellen in seiner Berufsbiografie: Im Herbst der Finanzkrise war etwa in einem Rundbrief an Bevins Klienten zu lesen, das einzig Positive seien zurzeit die Rettungspakete des Staates; vor allem jene 700 Milliarden Dollar, mit denen Uncle Sam den Wall-Street-Banken aus der Patsche helfe. Er habe das nicht verfasst, nur eben als Chef den Brief irgendwo unterschrieben, zieht sich Bevin aus der Affäre.

Zwei Stunden steht er auf der Grillwiese, in Jeans und Windjacke, wie der Mann von nebenan. Auf der Rückbank seines Autos liegt eine Pappfigur: Mitch McConnell, wer sonst. "Damit die Leute in Kentucky nicht vergessen, wie er aussieht", witzelt Bevin. "Der Mann hockt ja nur noch in Washington." (Frank Herrmann aus Lexington, DER STANDARD, 17.5.2014)

  • Schicksalstage für die Tea Party: Rebell Matt Bevin will ...
    foto: ap/easley

    Schicksalstage für die Tea Party: Rebell Matt Bevin will ...

  • ...Platzhirsch Mitch McConnell am 20. Mai bei den Vorwahlen in Kentucky besiegen.
    foto: ap/mast

    ...Platzhirsch Mitch McConnell am 20. Mai bei den Vorwahlen in Kentucky besiegen.

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