Stänkernde Mädchen und ein verliebter Dichter

16. Mai 2014, 17:46
1 Posting

Abderrahmane Sissako stellte mit "Timbuktu" einen differenzierten Gegenwartsbefund vor. Mike Leighs "Mr. Turner" und Jessica Hausners "Amour fou" demonstrierten unterschiedliche Zugänge zu ihren historischen Figuren

Ein Bild, das man in Erinnerung behalten wird, ausnahmsweise nicht aus einem Film: Sabine Azéma und André Dussolier, die beiden Stammschauspieler von Alain Resnais, stehen händchenhaltend und tief bewegt auf der Bühne des Palais Stéphanie, um der posthumen Ehrung des Regisseurs mit dem "Carrosse d’or" beizuwohnen. Die Eröffnung der Quinzaine des Réalisateurs, der 1968 gegründeten Parallelsektion von Cannes, bot einen würdevollen Gegensatz zum Tamtam auf dem Red Carpet: Man gedachte eines Meisters, der bis ins hohe Alter seine Lust am Experiment nicht verloren hat.

Die Französin Céline Sciamma, deren Bande des filles als Eröffnungsfilm lief, zeigte sich daraufhin kämpferisch: In Cannes drehe sich alles nur darum, wo und wann ein Film gezeigt wird — mit ihren schwarzen Akteurinnen verstehe sie sich als Gegenmacht zum Establishment. Ein Hinweis darauf, dass man auf dem Festival in Hierarchien denkt, die nicht leicht zu durchbrechen sind. Ihr Film führte die Selbstermächtigung thematisch weiter: Ein Mädchen aus der Banlieue, von Familie und Institutionen in die Enge getrieben, schließt sich einer Girl-Gang an, die stänkernd umherzieht. Der Film geht zu ihnen nicht auf Distanz, im Gegenteil – er teilt ihren Spaß, spielerisch Machtpositionen zu verkehren.

Differenzierte Erzählung

Im Wettbewerb lieferte Abderrahmane Sissako unterdessen mit Timbuktu eine differenzierte, weit aufgefächerte Erzählung über das von Jihad-Truppen besetzte westafrikanische Mali. Der Bevölkerung werden mit Gewalt Verhaltensregeln eingetrichtert. Natürlich sind zuvorderst Frauen betroffen; doch auch wer Musik oder Fußball spielt, muss mit drakonischen Strafen rechnen.

Man weiß von diesen harschen Praktiken. Die große Qualität von Sissakos Zugang liegt jedoch in einem Humanismus, der starre Rollenbilder aufbricht, ohne zu beschönigen. So erhält das Feindbild "Islamist" schon dadurch neue Facetten, dass es sich um arabisch sprechende Fremde handelt, die bei Rekrutierungen auf Sprachbarrieren stoßen. Mit solchen komischen Szenen drückt Sissako aus, wie dreist es ist, religiöse Texte auf simple Handlungsanweisungen zu verkürzen.

Timbuktu wechselt geschickt zwischen sanften, absurden und drastischen Momenten. Eine moralische Erzählung durchzieht den Film wie der Hauptarm eines Flusses: Ein Beduine tötet nach einem Eklat um eine Kuh einen Fischer und muss sich der neuen Justiz stellen. Die Geduld, mit der er seinem Schicksal entgegensieht, lässt die selbstgerechten Sittenwächter umso engstirniger erscheinen.

Mike Leighs Biopic über den romantischen Maler William Turner wurde an der Croisette bisher am besten aufgenommen. Der Künstler erscheint in dieser handwerklich tadellosen Arbeit als ein Monomane, der seinen Ruf als Sonderling genießt und keinerlei soziale Verantwortung übernimmt. Timothy Spall spielt Turner als mürrisch-vierschrötigen Pfunds­kerl, der seinen Stimmungen oft nur brummend Ausdruck verleiht: eine Dickens-Figur, deren Exzentrik fast zu viel Aufmerksamkeit beansprucht.

Das gesellschaftliche Umfeld bleibt vage; die technologischen Umwälzungen, auf die Turners Gemälde reagieren, streift Leigh nur in kürzeren Episoden: Dabei gehören der Maler im Umfeld der Academy, umringt von intriganten Kollegen, oder sein Besuch beim Fotografen, dessen Tun er mit "I’m done, too" kommentiert, zu den pointierteren Momenten.

Jessica Hausners Amour fou wählt einen ganz anderen Zugang zu einer historischen Figur. Die Ereignisse, die zum Doppelselbstmord von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel führen, stellt sie in einem konzentrierten Kammerspiel nach, das sich vor allem für die verquere Logik dieses Arrangements begeistert. Mit großer Akkuratesse inszeniert sie das bürgerliche Ambiente der Familie in Tableaus, in denen der todessehnsüchtige Kleist bei Henriette zunächst nur für Verstörung sorgt.

Es ist bemerkenswert, wie Hausner die Starrheit eines Milieus, das sich gegen gesellschaftliche Veränderungen verschließt, langsam öffnet, ohne dass sie dazu dramatischer Krücken bedarf.

Die Liebe bleibt in Amour fou eine Angelegenheit von Worten und Gesten, die selten richtig verstanden werden. Einmal lässt dieser recht armselig wirkende Kleist eine ganze Salve an Kosewörtern für seine Angebetete ab, doch sie weiß damit nicht viel anzufangen:

Eigentlich spricht dieser Dichter ja stets mit sich selbst. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 17./18.5.2014)

  • Ein Malerfürst, Monomane und Sonderling: Mike Leigh hat mit "Mr. Turner" ein Biopic über den englischen Maler William Turner vorgestellt, Timothy Spall spielt die Titelrolle.     
    foto: festival cannes

    Ein Malerfürst, Monomane und Sonderling: Mike Leigh hat mit "Mr. Turner" ein Biopic über den englischen Maler William Turner vorgestellt, Timothy Spall spielt die Titelrolle.     

Share if you care.