Vorschläge für bessere Vermögensverteilung

Leserkommentar16. Mai 2014, 16:11
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Verteilungsfragen müssen ins Zentrum der politischen Debatte rücken

70 Prozent des österreichischen Vermögens sind in der Hand von 10 Prozent der Bevölkerung. Auf der anderen Seite verfügen die ärmsten 50 Prozent der ÖsterreicherInnen über gerade einmal vier Prozent des Gesamtvermögens. Österreich gilt als Land mit hohen sozialen Standards, dennoch werden auch hierzulande Arme immer ärmer und Reiche immer reicher. Aktuell sind 14,4% der österreichischen Bevölkerung (1,2 Millionen Menschen!) armutsgefährdet und 5% (420.000 Menschen!) manifest arm. Diese Zahlen stehen für einzelne Schicksale.

Menschen, die sich tagtäglich um ihre Existenz sorgen – nicht unachtsam mal den einen Euro mehr ausgeben, sich ab und an etwas gönnen, geschweige denn überraschende Ausgaben für Reparaturen tätigen können. Wir sprechen hier von alleinerziehenden Müttern, von Personen mit drei oder mehr Kindern, allein lebenden Pensionstinnen, MigrantInnen, Arbeitslosen und Working Poor. Wir sprechen von über 1,6 Millionen Menschen – von jeder/jedem 7. MitbürgerIn. Dem gegenüber stehen heute mehr als 78.000 MillionärInnen mit ständig wachsendem Vermögen.

Niemand arbeitet sich reich

Reichtum ist keine Folge von großer persönlicher Leistung, genauso wenig wie Armut durch individuelles Versagen ausgelöst wird. Die Umstände, in die Personen hineingeboren werden, spielen die entscheidende Rolle. Ein kleines Beispiel zeigt: Haushalte aus dem ärmsten Fünftel erben mit einer Wahrscheinlich von 9,6% im Mittel rund 14.000€. Im Gegensatz dazu erbt einer der reichsten Haushalte mit einer Wahrscheinlichkeit von 64,7% ein mittleres Vermögen von 240.000€. Deutlich wird: Reiche erben leichter und dann gleich eine ordentliche Summe. Hat man Glück, gibt es also ein sorgenfreies Leben in Wohlstand, das sich nie erarbeiten können – so viel zum Thema seines eigenen Glückes Schmied sein.

Der gerade vielzitierte Ökonom Thomas Piektty vergleicht diese Situation mit dem Europa des 19. Jahrhunderts – damals wie heute spielt die (väterliche) Erbschaft eine zentrale Rolle für die Lebensgestaltung und Möglichkeiten der Menschen.

Raus aus der Krise

Piketty weist in seinem Werk "Capital in the Twenty-First Century" nach, dass die Kapitalrendite größer ist als das Wirtschaftswachstum. Dadurch manifestiert sich eine Umverteilung von Arbeitseinkommen zu Kapitalerträgen – Umverteilung von unten nach oben wird bzw. ist im Kapitalismus systemimmanent. In den Folgejahren der Nachkriegswirren gab es eine Zeit der sozialen Stabilität und der technologischen Innovationen. Dadurch öffnete sich seit Jahrhunderten erstmals ein Zeitfenster indem die Chance durch eigene Arbeitsleistung und nicht nur durch Erbschaften Wohlstand zu erreichen gegeben war.

Das war einmal, wie ein Blick auf die österreichischen Zahlen zeigt. Auf dem Portal www.verteilung.at kann man diese Unterschiede nachvollziehen. In der Nachkriegszeit bis in die 70er Jahre ist der Einkommensanteil des reichsten Prozents um 7% gestiegen, der der ärmsten ist um 17% gesunken. Ab 1975 wurden die Unterschiede um ein vielfaches größer: bei den Ärmsten ist der Einkommensanteil um 58% gesunken, bei den Reichsten aber um 35% gestiegen.

YOLO statt TINA: You only live once" statt "there is no alternative"

Die Kapitalkonzentration steigt immer weiter und hemmt dabei das Wirtschaftswachstum. Mittlerweile ist sogar der IWF – wahrlich kein Hort für eine egalitäre Wirtschaftspolitik – der Meinung, dass die Ungleichverteilung mitverantwortlich für die Krise ist und diese sogar noch weiter verschärft. Die globale Krise ist also eine Krise der Verteilung. Der Status Quo, die unregulierten Finanzmärkte, die Spekulationen auf fiktive Konstrukte oder zynischen Wetten auf Nahrungsmittel bereichern nur jene, die in der wirtschaftlichen Nahrungskette bereits oben stehen. Wenn wir diese wettbewerbsfeindliche Monopolstellung der Superreichen nicht in den Griff bekommen, wird unsere Zukunft rostig statt rosig.

Die vorherrschende Schieflage in der Verteilung steigert gesellschaftliche Probleme – bei Armen wie bei Reichen. Ängste, Konkurrenzdruck, Stress, Gewalt, Krankheiten, Verbrechen und vieles mehr lähmen die freie Entfaltung der Einzelnen und damit  das Potential am Fortschritt unserer Gesellschaft mitzuwirken. Der permanente Profitmaximierungswahnsinn beflügelt weder die Lebenserwartung, noch die Lebensqualität. Im Gegenteil, er ruiniert auf kurz oder lang ein glückliches Zusammenleben.

Stellschrauben drehen, Welt verbessern

Es gibt viele Stellschrauben, an denen wir drehen müssen um den Feudalismus des 21. Jahrhunderts zu überwinden. Verteilungsfragen müssen ins Zentrum der politischen Debatte rücken. Künftige Entscheidungen (ob lokal, europäisch oder global) müssen wir daran messen, ob sie gerechte Chance für alle Lebensentwürfe garantieren oder die vorhandenen Benachteiligungen weiter einzementieren. Da die ungleiche Verteilung bereits ein so großes Maß erreicht hat, helfen hier nur wirklich progressive Steuern die zumindest europaweit eingeführt werden. Warum Milliardenvermögen nicht mit 10% besteuern?

Wer 10 Milliarden hat, wird auch mit 9 noch glücklich werden. Warum nicht neben einem Mindesteinkommen auch über ein Maximaleinkommen nachdenken? Niemand wird sich ernsthaft auf die Seite einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung aus dem Mittelalter stellen, die dafür sorgt, dass wir in einem oligarchischen System Leben. Denn die größte Profiteurin einer gerechten Verteilung ist die Gesellschaft selbst. Klar ist also, je gerechter Vermögen und Einkommen verteilt sind, umso glücklicher ist unsere Gesellschaft. Es bedarf also einer Trendumkehr: Gleichheit statt Ungleichheit, Glück statt Unglück, YOLO statt TINA. (Leserkommentar, Klaus Baumgartner, derStandard.at, 16.5.2014)

Klaus Baumgartner arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Marie Jahoda - Otto Bauer Institut (JBI) in Linz. Das JBI veröffentlich unter anderem die Homepage zur Verteilungsgerechtigkeit in Österreich: www.verteilung.at

www.jbi.or.at

https://twitter.com/JahodaBauer

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