Rundschau: Zombies mit Migrationshintergrund

Ansichtssache14. Juni 2014, 10:00
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coverfoto: tor books

Karl Schroeder: "Lockstep"

Gebundene Ausgabe, 351 Seiten, Tor Books 2014

Nichts kann schneller sein als das Licht. Mehr und mehr SF-AutorInnen sind im vergangenen Jahrzehnt dazu übergegangen, diese Tatsache zu schlucken und auch auf bequeme Schlupf- bzw. Wurmlöcher zu verzichten. Damit entfällt aber leider auch ein traditionelles Kernstück der Science Fiction, die Idee vom interstellaren Imperium. Sollte man jedenfalls meinen. Es war an Karl Schroeder, das scheinbar Unvereinbare doch zu vereinbaren. Mit seinem jüngsten Werk "Lockstep" zeigt der kanadische Autor der "Virga"-Romane einmal mehr, dass Science Fiction eine Literatur der Ideen ist ... und sich tatsächlich immer noch neue finden lassen.

Das Lockstep-System

Der Trick, der's möglich macht, ist verblüffend einfach: Zehntausende Welten gehen samt all ihren BewohnerInnen synchron in den Kälteschlaf und tauchen daraus nur für kurze Wachphasen wieder auf: Ein Monat Aktivität, 30 Jahre Stasis - auf diese Weise können die gewaltigen Entfernungen zwischen den Kolonien gleichsam über Nacht überbrückt werden. Niemand trifft nach Reise und Rückkehr auf stark gealterte Mitmenschen, alle leben im selben Rhythmus. Das ermöglicht nicht nur ein Handelsnetz, das allseitige Prosperität garantiert. Es schont auch die mageren natürlichen Ressourcen der besiedelten Welten. Die können ganz sanft über Jahrzehnte hinweg abgebaut werden, um einen Monat Leben zu ermöglichen: "We live like arctic flowers, with a short growing season and long winter", wie es ein Angehöriger des Lockstep-Systems ausdrückt.

Natürlich reichen 30 Jahre nicht für einen Unterlichtflug quer durch die Galaxis. Das immerhin 70.000 Planeten umfassende Lockstep-Imperium erstreckt sich deshalb auch nur von den Ausläufern unseres Sonnensystems wie Sedna oder Makemake bis nahe an die nächsten Sterne heran. Doch mittlerweile wissen wir ja, dass sich zahlreiche Nomadenplaneten durch den lichtlosen interstellaren Raum bewegen. Deren Zahl schätzt Schroeder zugegebenermaßen hoch ein - aber wer will ihm das Gegenteil beweisen?

Das Szenario

"High Concept" nennen sich Story-Ideen wie diese. Und Schroeder versteht es noch in anderer Hinsicht, scheinbare Gegensätze unter einen Hut zu bringen: Nämlich im Rahmen von wissenschaftsorientierter Hard SF zeitlose Plots zu entwerfen, auf die auch die Fantasy gerne zurückgreift: Temporeiche Abenteuer, persönliche Vendettas und verzwickte Familiengeschichten - sogar das Motiv vom Auserwählten taucht hier auf (wenn auch im nüchternen Kontext einer gezielt gesteuerten Religion à la Bene Gesserit).

Im Mittelpunkt der Handlung steht der 17-jährige Toby Wyatt McGonigal, der in der nahen Zukunft zu einem Kometen geschickt wird, um diesen für seine Familie in Besitz zu nehmen, und dabei einen Unfall erleidet. Als er aus seiner Stasis erwacht, findet er sich in einer fremden Welt wieder und erfährt, dass deren Herrscher seinen Tod befohlen hat. Gefolgt von der Erkenntnis, dass dieser Herrscher sein Bruder Peter ist. Ganz zu schweigen von der sinnverwirrenden Tatsache, dass für Toby nur ein paar Stunden vergangen sind, für seine im Lockstep-System lebende Familie 40 Jahre - und für das Universum außerhalb satte 14 Jahrtausende.

Wunder in Zeit ...

Schroeders großes Zeitverschiebespiel ist natürlich der Hauptreiz des Romans. In den 14.000 Jahren, die außerhalb des Lockstep-Imperiums vergangen sind, haben sich auf den sogenannten fast worlds zahllose Zivilisationen entwickelt und sind wieder untergegangen. Der Roman erinnert von seiner Grundidee her unwillkürlich an Philip Josè Farmers "Dayworld" - was die Komponente geschichteter Zivilisationen betrifft, zeigen sich hingegen Parallelen zu Alastair Reynolds "Haus der Sonnen".

Das zeitlose Lockstep-Imperium hat sich in diesem ständigen Zyklus des Werdens, Wachsens und Vergehens wie eine Default-Einstellung der Menschheit erhalten, in die sich Flüchtlinge aus den unterschiedlichsten Zeitaltern retten konnten und so das Reich vergrößert haben. So ist es auf gewisse Weise uralt, obwohl es für seine Gründergeneration erst 40 Jahre auf dem Buckel hat. Und zu allem Überfluss gibt es nebem diesem Lockstep-Imperium noch andere, die sich teilweise mit ihm die Planeten teilen, aber in einem anderen Wach-Schlaf-Rhythmus leben.

... und Raum

Auch räumlich hat Schroeder aber einiges zu bieten. Da hätten wir zum Beispiel einen Planeten, der seine Edelgas-Atmosphäre kurzerhand in eine gigantische Neonröhre umgewandelt hat. Eine Welt am Rande der Laser Wastes, deren Himmel über Laserstrahlen aus dem nächsten Sternsystem beschienen wird. Einen Gasriesen, in dessen stürmischer Atmosphäre ganze Trauben bewohnter "Seifenblasen" schweben. Oder einen Planeten, auf dem ein endloser Pilgerstrom am Schrein von Tobys Mutter vorbeizieht - und dabei einen Choral singt, der seit 10.000 Jahren nie verstummt ist.

Zwischendurch ist dann sogar noch Platz für augenzwinkerndes Spielen mit der Genregeschichte. Mit einem Verweis auf Edgar Rice Burroughs beginnt der Roman - und greift dies später noch einmal auf, wenn sich Toby mit seiner Queste-Gefährtin Corva Keishion über einen ganz speziellen Planeten unterhält: "I thought Barsoom was a storybook name for Mars." - "Mars?" She rolled the word around in her mouth. "Maaaars. Never heard of it. But how can you not know about Barsoom? It's the capital - you know, the fourth planet of the solar system. Covered in ancient ruins and dried-out canals from all kinds of terraforming attempts. The water always drains away, but every thousand years or so somebody drops another comet on it and tries again. The inside of the planet's getting quite wet at this point!"

Für alle Altersgruppen

Schwer zu sagen, ob man "Lockstep" unter "Young Adult" führen soll. Wenn ja, dann nicht allein wegen des jugendlichen Alters seiner beiden Hauptfiguren. Es gibt auch andere "Light"-Elemente wie z.B. die denners, eine Art genmodifizierte Katzen, die für die Handlung eine wichtige Rolle spielen ... welche aber auch von etwas weniger Niedlichem ausgefüllt hätte werden können. Oder der Umstand, dass Tobys Familien-DNA ihm ungeahnte Zugriffsmöglichkeiten auf die Lockstep-Technologie ermöglicht: It was like playing Consensus in God mode, except that this was reality. "Consensus" ist übrigens der Name eines Computerspiels, das Toby einst gemeinsam mit Peter entwickelt hat - und das im Lockstep-Imperium eine real existierende Ausformung angenommen zu haben scheint. Und abschließend ist Peters Diktatur trotz einiger fragwürdiger Entscheidungen auch nicht gerade die grausamste, von der man in der Science Fiction je gelesen hat. Was auch zu einem recht zivilisierten Showdown führt.

Das alles sind YA-typische Elemente. Erwachsener ist hingegen das Thema Ökonomie, das sich durch den ganzen Roman zieht. Siehe etwa die endgültige Polarisierung des irdischen Wirtschaftssystems während Tobys erstem Leben: Hier die alles kontrollierende Oligarchie der Billionäre - dort die verarmte Rest- bzw. Gesamtmenschheit. Oder die strikten Entwicklungslimits, die den kalten Lockstep-Welten von ihrer Ressourcenausstattung her gesetzt sind. Solche Züge - und natürlich die atemberaubende Prämisse des Romans selbst - werden auch ältere LeserInnen ansprechen. Kurz: "Lockstep" hat für alle was zu bieten.

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