Rovinj: Istrische Geschichten, die süchtig machen

18. Mai 2014, 18:26
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Die kroatische Küstenstadt Rovinj ist für Historie, die aus jedem Haus spricht, bekannt - das Batana-Museum vereint diese mit moderner Nachhaltigkeit

Viele Wege führen nach Rovinj. Touristen reisen mit Auto, Schiff oder Bus an. Die meisten kommen immer wieder in diese Stadt an der kroatischen Küste Istriens, weil sie süchtig macht. Strände gibt es auch schöne, doch das Besondere macht die Geschichte der Stadt aus. Jene ihrer kroatisch-italienischen Bewohner, jene der eigenen Sprachen, wie dem Istrorumänischen, das nur noch wenige kennen.

Euphemia, eine christliche Märtyrerin, reiste sogar noch 500 Jahre nach ihrem Tod an. Ihre Heiligengeschichte besagt, sie sei übers Meer gekommen - den ganzen weiten Weg vom heutigen Istanbul habe sie bewältigt, und sei um 800 in ihrem Marmorsarg plötzlich vor der Küste Rovinjs, das damals noch eine Insel war, aufgetaucht. Zum Dank baute man ihr eine Kirche.

Hinauf zur Märtyrerin

Heute führen alle Wege in Rovinj hinauf: Auf einen Hügel im Zentrum der Altstadt, wo sie strahlend weiß steht. Vom Vorplatz aus hat man den besten Blick auf umliegende Inseln. Einen besseren Ausblick hat nur Euphemia. Sie steht hoch oben auf der Kirchturmspitze, wo sie sich dreht und je nach Wind aufs Meer oder auf die verschachtelten roten Ziegeldächer schaut.

Wir steigen wieder über die alten Pflastersteine hinunter in den Hafen und treffen Riccardo Bosazzi. Riccardo ist einer der Batana-Leute. Wenn er Musik macht, trägt er das traditionelle schwarzweiß gestreifte Hemd, mit schwarzer Hose, roter Schärpe um die Taille und einer roten Mütze, die uns ein bisschen an Nils Holgersson erinnert. Aber heute ist Riccardo in zivil. Batana heißt nicht nur seine Musikgruppe.

Holzboot und Ökobewegung

Batana ist eigentlich die Bezeichnung für eine ganz besondere Art von Holzboot, wie es die Fischer hier in Rovinj über Jahrhunderte benutzten. Seit einigen Jahren heißt auch ein Museum direkt im alten Hafen von Rovinj Batana. Es wurde vor zehn Jahren in einem Haus aus dem 17. Jahrhundert eröffnet. Batana wurde zum symbolischen Begriff einer Bewegung, die versucht auch in Sachen ökologischer Nachhaltigkeit aus lokalen italienisch-kroatischen Traditionen zu lernen.

Das Museum erzählt die Geschichte der heutigen Halbinsel Rovinj. Die Stadt wurde im siebten Jahrhundert erstmals erwähnt und ist erst seit dem 18. Jahrhundert mit dem Festland verbunden. Man stand hier unter anderem unter römischer und venezianischer Herrschaft. Am besten kann das Riccardo bei einem Spaziergang durch die Altstadt erzählen. Er hat die Begeisterung für seine Heimatstadt nie verloren. Mit der ansteckenden Freude eines Kindes, das Detektiv spielt, zeigt er einem oft verborgene Stellen, an denen die Stadtmauer aus dem siebten Jahrhundert heute noch sichtbar wird.

Stadtmauer im Schlafzimmer

Manche Stellen kann man nicht besichtigen, weil Wohnhäuser direkt an die alte Mauer gebaut wurden. "Es gibt Leute, die haben im Schlafzimmer eine Wand, die tatsächlich die alte Stadtmauer ist", erzählt Riccardo. Von sieben Stadttoren sind nur mehr drei erhalten, und wenn man genau auf die Steine am Boden achtet, erkennt man, wo die Insel einst aufhörte - heute sind dort Bäckereien und Schmuckgeschäfte. Süßes und Gold hat Tradition in Rovinj. Einst produzierte man hier auch Tabak und Fischkonserven. "Rovinj war die erste istrische Industriestadt der K.-u.-k.-Monarchie", erzählt Riccardo bei einem Krügerl (!) Rotwein im Spacio.

Wohnküche der Familie Petz

Der Spacio Matika - ursprünglich bezeichnete spàcio im rovinesischen Dialekt eine Taverne oder einen Weinkeller - ist sozusagen eine Außenstelle des Museum Batana, wo die "Batanas" Veranstaltungen und Workshops machen und man auch selbst kochen kann. Der Blick aufs Meer ist dabei eine Herausforderung, nichts anbrennen zu lassen. Die Gaststube erinnert an die Wohnküche der Bärenfamilie Petz - nur mit alten Weinfässern und rotweiß karierten Tischdecken. Guter Wein in einer Umgebung ohne Schnickschnack.

Wer selbst keine tausend Jahre alten Mauern im Schlafzimmer braucht, kann hier mittlerweile auch in topmoderne Häuser einkehren. Das Monte Mulini mit einem eigenen geschützten kleinen Hafen am Rande Rovinjs ist erst ein paar Jahre alt und eignet sich gut, um zwischen viel Glas und coolen Pools wieder sanft in der Gegenwart zu landen und doch in Rovinj zu bleiben. (Colette Schmidt, DER STANDARD, Album, 17.5.2014)

Die Reise erfolgte teilweise auf Einladung des Hotel Monte Mulini

  • Euphemia sieht alles. Die Märtyrerin aus Konstantinopel dreht sich für den Rundumblick auf dem Kirchturm über den Dächern Rovinjs.

    Euphemia sieht alles. Die Märtyrerin aus Konstantinopel dreht sich für den Rundumblick auf dem Kirchturm über den Dächern Rovinjs.

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