Joachim Lottmann: Warum nicht mehr Menschen Kokain nehmen?

18. Mai 2014, 15:44
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Schon Sigmund Freud unterschied zwischen Kokaingebrauch und Kokainmissbrauch. Er hat ganze Bücher darüber geschrieben, so euphorisch, dass sie bald aus dem Verkehr gezogen wurden. Eine Streitschrift

Natürlich ist Kokain schrecklich. Es hat keinen Sinn, mit dem Thema leichtfertig umzugehen. Und gleich vorweg: Die Kritik an meinem Roman Endlich Kokain verstehe ich nur allzu gut. Dort schafft es ein schwerkranker Mann, mithilfe der Droge ins Leben zurückzufinden. Weil er vorher keines gehabt hat. Man sagt nun, das sei die große Ausnahme, einer unter einer Million. Für die anderen sei Kokain absolut schädlich. Wer das nicht so sehe, mache sich einen Spaß auf Kosten der Opfer.

Wirklich? Stephan Braum, der Held des Buches, ist ein invali-der, frühpensionierter ORF-Redakteur. Sein Leben lang litt er unter extremem Übergewicht: Das war sein Handicap, deshalb war er nie begehrt, nie cool, nie unter den richtigen Leuten an den richtigen Plätzen. Dieser Mensch, den es wirklich gibt, wurde zwangsläufig zum Langweiler, politisch notgedrungen seinem Arbeitgeber folgend ein politisch korrekter Gutmensch, quasi verbeamtet, mit einer ebenso hässlichen wie dicken Frau, die ihn am Ende auch noch verließ, mitsamt Haustier. Alle Diäten nutzten nichts, bis er eben Kokain entdeckte. Nun sagen mir alle: Für diesen Spießer mag das die Rettung gewesen sein, aber wer sonst hat schon diesen Lebenslauf?

Antwort: fast alle. Von der Billa-Kassiererin, die immer freundlich sein soll, die neun von zehn Kunden aber weder anschauen noch grüßen, bis zum leitenden Angestellten eines großen Konzerns, der pausenlos mit der Frage konfrontiert ist, ob er sein Gehalt noch wert ist oder nicht mitbetroffen sein wird bei der nächsten unvermeidlichen Verschlankung des Unternehmens, der nächsten Runde im Stellenabbau. Die Billa-Frau kann gar nicht anders, als irgendwann etwas dagegen zu machen, nämlich am Wochenende, und dann braucht sie etwas, irgendetwas, und das wird kein Obi g'spritzt sein.

Die Leute sind alle in der Angstschleife. Auch die Besserverdienenden stehen inzwischen mit dem Rücken zur Wand. Ein junger Arzt sagte mir unlängst, er schätze doch sehr die Sicherheit der Festanstellung. Er könne, wenn er krank werde, ein halbes Jahr im Bett bleiben. Danach müsse er nur einen Tag wieder arbeiten; danach habe er erneut Anspruch auf sechs Monate Krankheit. Ich konnte bei so viel defensiver Lebenseinstellung nur den Kopf schütteln.

Diese Angst ist überall. Die Frau wird danach ausgesucht, ob sie auch im Krebsfall bei einem bliebe. Die Wohnung wird so versichert, dass im Katastrophenfall absolut alle Werte ersetzt würden. Das Auto muss rundum mit Airbags bepflastert sein, für den größten anzunehmenden Unfall. Und so weiter. Das alles ist überhaupt nicht auszuhalten. Fast alle nehmen etwas, und die Pharmaindustrie hat es in einer grandiosen Marketingleistung geschafft, das Bedürfnis nach Ausbruch und Kontrollverlust von den Drogen weg- und zu den Pillen hinzulenken. Aber ist das gut? Bringt das etwas?

Valium oder Xanor

Denn die Bürger wissen es besser. Drogenerfahrung hat jeder - so wie sexuelle Erfahrung. Selbst Leute wie Stephan Braum haben in ihrer Jugend gekifft, haben außer Heroin alles schon einmal kennengelernt, natürlich nur punktuell, so wie jeder schon einmal ein Bordell von innen gesehen hat. Sehr viele von ihnen haben sogar Spaß bei diesen Versuchen gehabt. Sie können unterscheiden zwischen der herrlichen Enthemmung auf gutem Kokain und der fast quälenden Bewusstseinseintrübung durch Valium oder Xanor. Was lässt sie in ihrem langen Erwachsenenleben dennoch zu Letzteren greifen?

Schon Freud unterschied zwischen Kokaingebrauch und Kokainmissbrauch. Er hat ganze Bücher darüber geschrieben, so euphorische, dass sie bald aus dem Verkehr gezogen wurden. Bei meinen eigenen Recherchen habe ich mich eng an Freuds Versuche gehalten, und ich habe die gleichen Resultate erzielt. Schlimm sind die beigemengten Giftstoffe ("Persil") im hier erhältlichen Stoff. Man kann diese aber messen und herausfiltern. Das ist aufwändig und geht kaum ohne fremde Hilfe. Die größte Hilfe ist natürlich viel Geld.

Doch das ist nicht alles. Noch schädlicher in der Koksszene ist der harte Alkohol, der dort konsumiert wird. Es sollte nicht verwundern, dass eine Literflasche Vodka pro Nacht den Menschen zum Wrack macht. Bekanntlich trinkt man das Zeug im Kokainrausch wie Wasser.

Wenn man Jahre später die zerstörten Menschen sieht, schiebt man es auf Kokain. In Wirklichkeit waren es Spirituosen und Tabletten. Ich frage mich, warum diese Wirkungsweisen so wenig bekannt beziehungsweise durchdacht sind. Reines Kokain ist wahrscheinlich das Gesündeste, was man zu sich nehmen kann - solange man Sport treibt, das Leben und die Liebe liebt (was ja automatisch aus der ausgelösten Euphorie folgt). Ich frage mich also, warum nicht viel mehr Menschen Kokain nehmen.

Die Antwort könnte sein: Sie tun es längst, aber die Medien haben es nicht gemerkt. Wer Drogen mit Verstand und Verantwortung nimmt, stirbt eben nicht mit 25 wie Peaches Geldorf, läuft nicht verpeilt durchs Bild wie Miley Cirus, lässt sich nicht vollgedröhnt bei einem illegalen Autorennen festnehmen wie Justin Biber.

Wir sehen immer die markerschütternden Bilder der drogenabhängigen Prominenten. Wir sehen nicht, wie viel Spaß sie VOR ihrem finalen Auftritt hatten. Und wir sehen auch nicht die Millionen Stephan Braums auf dieser Welt. (Joachim Lottmann, Album, DER STANDARD, 17./18.5.2014)

Joachim Lottmann (54) ist ein deutscher Schriftsteller und Journalist und wohnt seit drei Jahren in Wien. 2011 erschien "100 Tage Alkohol. Kein Roman" (Czernin-Verlag), jetzt sein Roman "Endlich Kokain" bei Kiepenheuer & Witsch.

  • Unendlicher Spaß? Fast alle nehmen etwas, weil auch die Besserverdienenden inzwischen mit dem Rücken zur Wand stehen.
    foto: larry dale gordon/corbis

    Unendlicher Spaß? Fast alle nehmen etwas, weil auch die Besserverdienenden inzwischen mit dem Rücken zur Wand stehen.

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