Paradies der kleinen Dinge

16. Mai 2014, 18:11
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Frisches aus dem Jahr 1842: Sophia und Nathaniel Hawthornes zweihändig geführtes Journal erscheint zum 150. Todestag des amerikanischen Erzählers

Woran liegt es, dass Nathaniel Hawthorne so wenig gelesen wird? Dass er, der 60-jährig am 19. Mai 1864 in Plymouth in New Hampshire starb, jener amerikanische Prosaautor des zweiten Drittels des 19. Jahrhunderts geblieben ist mit ruhmlosem Ruhm? Edgar Allan Poe und Herman Melville wurden infolge gänzlich unterschiedlich gearteter Umstände, der eine ob des geheimnisumflorten Todes und der mythischen Geschichten über die Nachtseiten der Vernunft, der andere ob eines mytho-gigantischen Romans, in den Literaturparnass erhoben. Aber Hawthorne? Was ist mit dem Autor dreier großer Romane?

Bis Mitte 30 war er so etwas wie ein Gescheiterter. Fern geregelter Lohnarbeit saß er in einem winzigen Kabuff in seinem Elternhaus in Salem, Massachusetts, und schrieb, was lange kaum jemand druckte. Dabei war er später derjenige, der, Europa im Hinterkopf, vom Gewicht der Geschichte der Neuen Welt, über die Folgen des rigiden, moralisch hyperorthodoxen Puritanismus der Gründerväter erzählte. Einer der zentralen Sätze in Das Haus mit den sieben Giebeln lautet: "Werden wir denn diese Vergangenheit nie, niemals los? Sie liegt auf der Gegenwart wie der tote Leib eines Riesen." Mark Twain, eine Generation jünger, machte dann dezidiert Amerika und Amerikanisches zum Thema. Zu seinem Thema. Was bis heute Urthema amerikanischer Autoren geblieben ist, von John Updike und Philip Roth bis zu den Jüngeren wie Philip Meyer und Claire Vaye Watkins.

Der unstrittig sympathischste Einstieg in das atmosphärisch sanft düstere Werk Hawthornes ist erst jetzt auf Deutsch zu lesen - das bezaubernde Journal des frisch mit der fünf Jahre jüngeren Sophia Peabody aus Salem verehelichten Autors - Sophia, die lebenslang kränkelte und doch ihren Mann um sieben Jahre überlebte. Es ist ein Tagebuch der besonderen Art: weil es ein Dialog ist. Die Einträge wechseln sich ab, mal schreibt er, dann sie. Mal antwortet sie auf seine Einträge, dann lehnt er Beschreibungen von Blumen oder Bäumen ab mit dem Verweis, sie könne das weitaus besser - was stimmt.

1842 heirateten sie und zogen aus der Kommune Brook Farm, in der trotz des intellektuellen Anspruchs schwere körperliche Arbeit überwog, nach Concord, ebenfalls in Massachusetts, in ein altes Pfarrhaus, das 1846 - und die Hawthornes waren da ein Jahr zuvor wieder nach Salem zurückgekehrt - Ort jener Geschichtensammlung werden sollte, die ihn bekannt machte, Mosses from an Old Manse. Das Tagebuch umfasst knapp achtzehn Monate, setzt im Juni 1842 ein und endet im November 1843. Das kleine Städtchen Concord war damals der geistige Nabel der Neuen Welt, dort lebten Ralph Waldo Emerson, der Philosoph, Poet, Denker, Übersetzer und bis heute einer der einflussreichsten Intellektuellen der USA, Margaret Fuller, die The Dial, die Zeitschrift der humanistisch gesinnten Transzendentalisten, betreute, und Henry David Thoreau, der Naturschriftsteller und Umweltschützer avant la lettre. Und Thoreau, zu der Zeit gerade Untermieter Emersons und physisch als apart hässlich beschrieben, erscheint dem zu den humanistischen Religionsjüngern ironische Distanz haltenden Hawthorne als kluger Naturmensch und äußerst geschickter Kanut.

Im Mittelpunkt der Aufzeichnungen der temperamentvollen Sophia, die uns so springlebendig aus den Seiten entgegentritt, und Nathaniel, kühler, intellektueller, aber ebenso herzzerspringend verliebt in sie ("Ich habe den Frühling geheiratet! - Ich bin Ehemann des Monats Mai!") wie seine junge Frau in ihn, stehen Alltagsdinge: Gartenarbeit, Obstbäume, der nahe, schlammige Concord River, der 1843 über die Ufer tritt und unverhoffte Rudererlebnisse verschafft, Spaziergänge, Besuche von Freunden und Verwandten, am Ende dann auch Geldsorgen. Intimes klingt unterschiedlich diskret an, die Sehnsucht beider viel stärker als die Fehlgeburt Sophias.

Letztere konnte mehr oder weniger rekonstruiert werden aus dem, was Sophia nach dem Tod ihres Mannes von diesem Journal übrigließ. Denn sie ging editorisch massiv vor: mit Stift, Federmesser, Schere und Klebstoff. Aus den originalen Aufzeichnungen riss sie auch manche Seite heraus. Die Grundlage von Alexander Pechmanns sehr gelungener Übersetzung ist das im Jahr 2005 edierte Faksimile des erhaltenen Dokuments. Sophia Hawthorne wollte durch ihre Eingriffe das Bild ihres verstorbenen Mannes erheben und das Hohelied der Liebe idealisch eskalieren lassen. Dabei tritt Nathaniel Hawthorne hier auf als lebendiger Teil eines in einem irdischen, etwas abgelegenen Paradies lebenden quietschvergnügt verliebten Paares. "Dass ich Sie kennenlernen durfte", versicherte ihm Jahre später Herman Melville, "ist ein überzeugenderes Argument für die Unsterblichkeit als die ganze Bibel." Wohl wahr. (Alexander Kluy, Album, DER STANDARD, 17./18.5.2014)

Sophia & Nathaniel Hawthorne, "Das Paradies der kleinen Dinge. Ein gemeinsames Tagebuch". Mit einem Vorwort von Peter Handke. Herausgegeben und übersetzt von Alexander Pechmann. € 19,90 / 200 S. Jung-und-Jung-Verlag, Salzburg 2014

Nathaniel Hawthorne, "Das Haus mit den sieben Giebeln". Mit einem Nachwort von Hanjo Kesting. Aus dem Amerikanischen von Irma Wehrli. € 25,70 / 512 Seiten. Manesse-Verlag, Zürich 2014

  • "Ich habe den Frühling geheiratet! - Ich bin Ehemann des Monats Mai!": Nathaniel (1804-1864) ...
    foto: ap/courtesy peabody essex museum

    "Ich habe den Frühling geheiratet! - Ich bin Ehemann des Monats Mai!": Nathaniel (1804-1864) ...

  • ... und Sophia Peabody Hawthorne (1809-1871).
    foto: ap/the house of the seven gables

    ... und Sophia Peabody Hawthorne (1809-1871).

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