Unterschätztes Repertoire

16. Mai 2014, 18:26
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Belvedere-Ausstellung folgt neue Barwig-Bewertung

Bildhauer oder Kunsthandwerker? "Sowohl als auch" ist bei Franz Barwigs vermutlich die treffendste Antwort. Der Umstand, dass man seinen Arbeiten überwiegend im Umfeld des Kunstgewerbes des frühen 20. Jahrhunderts begegnet, verfälscht bisweilen den Blick. Spielende Bären und Kätzchen, kämpfende Bisons oder springende Zicklein, wahlweise in Bronze, Porzellan oder aus Holz, verführen geradewegs zu einer Fehleinschätzung.

Von der zeitgenössischen Kunstkritik blieb das OEuvre des in den späten 1860er-Jahren Geborenen und an der Kunstgewerbeschule Ausgebildeten nahezu unbeachtet. Selbst wenn man ihn angesichts des motivischen Repertoires auf die Rolle eines Tierbildhauers reduzierte, müsste er als ein überaus talentierter bezeichnet werden. Rückblickend verhinderte wohl die Fixierung auf Protagonisten der Welt der Fauna und die wenig prestigeträchtige Holzschnitzerei als Ausgangspunkt seines Schaffens eine Einordnung in die größeren kunsthistorischen Zusammenhänge.

Und dies spiegelte sich bislang auch auf dem Kunstmarkt: Den Höchstwert verzeichnete das Dorotheum im Mai 2012 für eine geschnitzte Faungruppe bei rund 15.000 Euro, gefolgt von 13.420, die Lempertz ein Jahr später für zwei kämpfende Bisons verzeichnete. Repräsentativ für die klassische Bewertung ist die formal auf das Wesentliche der charakteristischen Bewegung eines kämpfenden Steinbocks reduzierte und um 1910 kreierte Bronze, die im Zuge der bevorstehenden Auktionswoche (Jugendstil, 20. 5.) und ungeachtet ihrer Größe (rd. 54 cm) für taxierte 5000 bis 6000 Euro im Angebot lauert. Womöglich ein Schnäppchen?

Denn was den Franzosen Antoine-Louis Barye, den Italienern Rembrandt Bugatti, ist uns, wie das Belvedere mit der soeben eröffneten Kleinretrospektive in der Ausstellungsreihe "Meisterwerke im Fokus" belegt, eben Franz Barwig der Ältere (bis 7. 9.). Neben plastischen Werken verwahrt man dort auch eine große Anzahl von Zeichnungen und Skizzen im eigenen Bestand, ergänzt um eine Reihe von Gips- und Tonmodellen als Dauerleihgabe aus dem Nachlass des Künstlers. (kron, Album, DER STANDARD, 17./18.5.2014)

  • Barwigs kämpfender Steinbock.
    foto: dorotheum

    Barwigs kämpfender Steinbock.

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