Choreografie der Vertreibung

16. Mai 2014, 18:09
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Die tschechische Literaturkritikerin und Schriftstellerin Anna Zonová beschreibt mit ihrem Roman "Zur Strafe und als Belohnung" Exilantenschicksale

Jedes Exilschicksal hat etwas, das es von Exilleiden anderer unterscheidet. Prag war für unsere Familie zu einer Art Drehscheibe für konspirative Treffen geworden, als es noch nicht ganz so einfach war, die ehemalige Sowjetunion zu besuchen. Nicht ganz so einfach nicht nur im Sinne der Visa, sondern nicht ganz so einfach im Sinne der einsetzenden Gefühlsflut, der inneren Bilder, die plötzlich und unverschämt nach außen drängten, und des Nichtübereinstimmens dieser inneren und äußeren Bilder. Die Begegnung mit dem, was man zehn Jahre zuvor verlassen hatte, stieß einen vor den Kopf mit allem Gegenwärtigen, das nicht mehr zur Erinnerung passen wollte.

Prag war die Stadt, in der sich zwei Welten berühren konnten. Das war, bevor riesige Handels- und Restaurantketten den ehemaligen Ostblock als ideale Brutstätte für sich entdeckt hatten, bevor die Innenstädte von Warschau, Budapest und auch Prag einander zu ähneln begannen, mit den immer gleichen riesigen Glasfronten, den immer gleichen leuchtenden Schriftzügen. Diese selbsternannten Botschafter des Westens fraßen sich immer frecher in das Landesinnere hinein, verdrängten kleine Läden und alteingesessene Betriebe.

Später, als Erwachsener, fiel mir erst auf, was für eine gewichtige Rolle die Literatur, ja allein das Objekt des Buches, in Prag spielte, was für ein Interesse für das geschriebene Wort bestand, ein Ernstnehmen, das ich in Wien teils vermisste, nämlich ein von einer wirklich breiten Masse betriebenes Ernstnehmen. Keine Liebhaberei, nein, eine richtige Liebe war das. Jede Gemeinschaft mit einer Geschichte der Unterdrückung liebt Literatur als ein mögliches Ventil, als innere Flucht, als Beweissicherung und Revolution und als Aufbegehren.

In diesem Sinne ist Anna Zonovás Buch Zur Strafe und als Belohnung als ein ebenso penibles wie sensibles Festhalten von Dingen zu interpretieren, die nicht gern im Bewussten behalten werden wollen. Es sind Geschichten von Exil und Vertreibung. Das Entwurzeln ist ähnlich, nur das Anwachsen am neuen Territorium nicht. Dieses Anwachsen ist vielschichtig, mal ein Flachwurzeln, mal ein Durchstoßen durch alle Hindernisse hindurch, mal ein beständiges Mäandern zwischen der Sehnsucht nach der Vergangenheit und der Freude an Neuem.

Schicksalskaleidoskop

In Zonovás Roman zeigt dieses Exil sich in unterschiedlichen Facetten: Menschen, die in das zwangsgeräumte nordmährische Sudetendeutschengebiet - teils unfreiwillig - übersiedelt wurden, und ein Gebiet, das zur doppelten Verlustzone wird: für diejenigen, die das Land verlassen mussten, wie für manche, die es wiederbezogen. Unter ihnen: missliebige Politgrößen, Wendehälse, Hoffnungsvolle, Unbedarfte, Unbeteiligte. Die Untersuchung von Peripherie und Zentrum habe sie interessiert, sagt Zonová. Das beschriebene Gebiet sei für sie eine Theaterbühne geworden. Ein Close-up. Eine Choreografie der Vertreibung. Der Zeitraum ist weit gesteckt, von Beginn der Umsiedlung bis in die Gegenwart hinein, beginnend mit den Fünfzigerjahren, der Zeit nach der gewaltsamen Vertreibung der Bewohner der mährischen Sudeten mit deutscher Nationalität.

Probleme und Blickweisen, aber auch die Herausforderungen, Begehrlichkeiten und Ziele ändern sich im Laufe der Zeit. Ein Kaleidoskop von Geschichten, in schnellem Wechsel, der einem ein Schwindelgefühl verursachen kann, sodass man zeitweilig das Gefühl verliert, wer gerade spricht, wer handelt. So unterschiedlich die Personen sind, geeint werden sie durch das eigene Unvermögen und durch das Aufbegehren gegen dieses Unvermögen, sei es nun die Amour fou zwischen Tereza, der Schwiegertochter einer in Ungnade gefallenen Idealistin namens Lise, und dem mit einer Kollegin Terezas verheirateten krebskranken Dichter Marek, seien es die intensiv geschilderten Erinnerungen ebendieser Lise, die jenen Lesern, die nicht in der beschriebenen Zeit sozialisiert worden sind, einen Schauer über den Rücken jagen.

Mir drängte sich Der Scherz von Milan Kundera in die Erinnerung. Vergleiche mit Kunderas Charakteren seien jedoch unpassend, sagt Zonová. Denn obwohl sie Zynismus bei Kunderas Protagonisten verortet, sieht sie sowohl Lise als auch Tereza als starke und harte Persönlichkeiten an, die mit Zynismus wenig anzufangen wüssten. Zynismus und ein harter Charakter könnten zwar als ähnlich empfunden werden, seien aber nicht dasselbe. Lise, der kommunistischen Nomenklatura-Angehörigen, fehlen Zweifel, sie nimmt andere abseits ihrer Ideologie nicht wahr. Dennoch sind alle ihre Handlungen mit einer Moral verknüpft, die sie zum Handeln zwingt. Lise steht symbolisch für die Prägung einer gewissen Avantgarde einer ganzen Generation - ein überzeugendes Porträt einer zeitlich begrenzten, bestimmten Art von politischer Deformation, die mir auch aus der russischen Vergangenheit sehr wohl bekannt ist.

Die 1962 geborene Zonová machte 1985 ihren Abschluss an der Fakultät für Bauwesen der Technischen Universität (CVUT) in Brünn und ist mittlerweile eine namhafte Kritikerin der bildenden Kunst, Publizistin, Kuratorin und Schriftstellerin. Eine analytische, dennoch behutsame Kartografin von Versagen und Hoffnung, von jener Brutalität und Leidenschaft, mit denen gleichermaßen für eine neue, dann aber leider doch nicht stattfindende Welt gekämpft worden ist.

Ihre eigene Geschichte ist mit den Orten ihrer Literatur verknüpft, mit dem Thema des Transits: Geboren wurde Zonová mitten auf der Straße, zwischen zwei Dörfern in der Nähe des Duklapasses, als ihre hochschwangere Mutter ihre Eltern besuchen wollte. Zonová wuchs anschließend in Dvorce auf, einem kleinen Ort in Nordmähren. Beide Eltern wanderten ursprünglich aus der Westslowakei ein.

Das erste Prosawerk entstand spät: Sie veröffentlichte 2001 ihren ersten Band, eine Sammlung von Erzählungen mit dem Titel Cervené boticky (auf Deutsch: Die roten Schühchen). Danach folgt 2004 der Roman Za trest a za odmenu (Zur Strafe und zur Belohnung). Als Kuratorin und Kritikerin ist sie eng mit bildender Kunst verbunden, das Visuelle spielt eine große Rolle in ihrem Schaffen. Als Entwurf der Romane entsteht zuerst eine grafische Skizze. Am Anfang ist das Bild, das später zum Wort wird. Wenn sie beispielsweise über Winter schreibe, habe sie Malewitschs Weiß und Grau vor Augen. Der goldene Schnitt, sagt sie, sei das Verlangen nach Balance und Harmonie, die sie auch in ihrem Werk zu finden hoffe.

Was sie zur Literatur getrieben habe? Das Bedürfnis, die Welt zu erkennen, zu definieren. Das Entfalten der Kurzgeschichten - wie im ersten Band - oder der vielschichtigen Entwicklung des Romans. Fundamental und persönlich wichtig sei für sie jedoch das Festhalten jenes Zustandes, den sie als den "Anstand" bezeichnet: der Anstand, nicht zu unterdrücken, nicht zu erniedrigen, nicht zu quälen. Das Gefühl, dass die "Unanständigkeit" überwiege, löse in ihr Hilflosigkeit aus, trotz deren sie dennoch versuche, eine Optimistin zu bleiben und den Weg der kleinen Taten zu gehen - nicht zuletzt um die Erinnerung an Werke und Taten von Bozena Nemcová, Vladislav Vancura, Josef und Karel Capek, Jirí Grusa und Nicholas Winton hochzuhalten. Das ist mit Zur Strafe und als Belohnung gelungen. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 17./18.5.2014)

Ein europäisches Karussell

Zwischen 2006 und 2012 nominierten lokale Jurys aus 16 Ländern (Bosnien, Bulgarien, Estland, Kroatien, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, Russland, Serbien, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Türkei, Ukraine und Ungarn) Autorinnen und Autoren, aus denen eine internationale Jury, zuerst unter dem tschechischen Schriftsteller Jiří Gruša (1938–2011), dann unter seinem ungarischen Kollegen György Dalos Preisträger aussuchte, die mit dem Bank-
Aus tria-Literaris-Preis für Prosa, einer Auszeichnung für den besten Lyrikband sowie sieben "Writer in Residence"-Stipendien von KulturKontakt Austria gewürdigt wurden. Die Aktion „Ein europäisches Karussell“, im Rahmen deren der Standard zehn Texte osteuropäischer Autoren pu bliziert, will einen Beitrag zur verstärkten Rezeption osteuropäischer Literatur leisten. Es werden Autoren besucht und mit ihrer Literatur in der Landschaft präsentiert: vom Roadmovie zum Road-Feuilleton.

Zum "Europäischen Karussell" erscheint ein Kartonschuber mit neun Bänden 2222 S., € 75 plus zehn Euro Versand kosten, versandkostenfrei für STANDARD-Abonnenten.

Die Aktion wird unterstützt von: DER STANDARD, Bank Austria Literaris, Ö1 und dem Wieser-Verlag.

Zu beziehen über Ihre Buchhandlung oder über: office@wieser-verlag.com, Fax: 0463/370 36, per Post: Wieser-Verlag, 8.-Mai-Straße 12, 9020 Klagenfurt/Celovec. Ö1 spielt vom 4. Mai an "Karussell"-Texte in "Ex Libris" (jeweils Sonntag 16 Uhr).

www.wieser-verlag.com

  • "Das Bedürfnis, die Welt zu erkennen und zu definieren", habe die Tschechin Anna Zonová zur Literatur und zum Schreiben gebracht.
    foto: wieser-verlag

    "Das Bedürfnis, die Welt zu erkennen und zu definieren", habe die Tschechin Anna Zonová zur Literatur und zum Schreiben gebracht.

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