Experten: Therapietreue der Patienten ist Riesenproblem

16. Mai 2014, 12:07
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Häufig werden Medikamente nicht oder falsch eingenommen - besonders problematisch etwa bei Herz-Kreislauf- und psychischen Erkrankungen

Arzneimittel werden immer wirksamer. Die innovativsten Medikamente sind auch vergleichsweise kostenaufwändig. Gerade deshalb wirkt sich mangelnde Therapietreue (auch: Therapieadhärenz) gesundheitlich und ökonomisch besonders negativ aus. Dies erklärten Experten bei einem Hintergrundgespräch in Wien.

Übereinstimmung mit Therapieplänen

"Als Adhärenz bezeichnet man den Grad der Übereinstimmung des Verhaltens des Patienten mit dem Konsens, den Patient und Therapeut vereinbart haben", sagt Fritz Leutmezer, Spezialist für Multiple Sklerose am AKH Wien. Faktoren wie Alter und Geschlecht, Umstände der Therapie (Wirkung "fühlbar") sowie externe Faktoren wie Patienten-Arzt-Beziehung und Gesundheitssystem,  bestimmen die anhaltende oder die nicht vorhandene Therapietreue der Betroffenen.

Die Multiple Sklerose (MS) - es gibt rund 12.000 Betroffene in Österreich - ist hier ein gutes Beispiel. Ein Gutteil der verwendeten immunmodulatorischen Arzneimittel (etwa Beta-Interferon, Glatirameracetat) müssen unangenehmerweise regelmäßig selbst injiziert werden. Dabei spürt der Patient keine direkt positiven Wirkungen. 

"Der Therapieeffekt ist schwer nachvollziehbar", sagt Neurologe Leutmezer. Die immunmodulatorische Therapie bei der MS, die darauf abzielt, akute Krankheitsschübe möglichst zu verhindern, soll in einem Zeitraum von Jahren und Jahrzehnten bewirken, dass möglichst keine Invalidität auftritt, der Patient nach zehn oder 20 Jahren noch nicht auf den Rollstuhl angewiesen ist.

Enorme Auswirkungen

Doch leider ist auch bei der MS als chronische Erkrankung die Therapietreue recht gering. Aus klinischen Studien mit Beta-Interferonen mit durch die wissenschaftlichen Untersuchungen bedingter an sich schon genauer Kontrolle der Patienten waren die Probanden zu zwölf bis 45 Prozent nicht "therapietreu".

Das hat enorme Auswirkungen: Nicht verwendete Arzneimittel können naturgemäß keinen Effekt haben, die Kosten sind aber anhaltend hoch. "Die Therapiekosten bei der Multiplen Sklerose betragen zwischen 10.000 Euro und 65.000 Euro pro Jahr." Zu fordern sei wahrscheinlich eine österreichische Untersuchung zur Therapietreue. Hier wäre die Sozialversicherung gefordert. Wenn man die Daten hätte, könnte man auch Gegenstrategien entwickeln.

Therapietreue essenziell

Je innovativer die Therapieprinzipien sind, desto ärger wirkt sich Nicht-Adhärenz in der Therapie aus. In den OECD-Mitgliedsländern ist die Lebenserwartung zwischen 2000 und 2009 durchschnittlich um 1,74 Jahre gestiegen - innovative Arzneimittel würden dazu zu 73 Prozent beitragen, heißtt es vom Verband der der pharmazeutischen Industrie (Pharmig). So sei etwa die Krebssterblichkeit in Österreich zwischen 1990 und 2011 um 22 Prozent zurückgegangen - im gleichen Zeitraum waren es im OECD-Schnitt laut Pharmig nur 14 Prozent.

Ein anderes Beispiel für den entscheidenden Beitrag der Therapietreue zum Effekt einer Behandlung ist die chronische Herzschwäche. Erst vor wenigen Tagen haben österreichische Kardiologie-Experten erklärt, dass eine adäquate Therapie die durchschnittliche Lebenserwartung der Patienten praktisch verdoppelt. Doch nur ein Teil der Betroffenen nimmt die verschriebenen Medikamente ein.

Eine Studie des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger hat ergeben, dass nur 50 Prozent der Betroffenen zu mindestens 80 Prozent ihre Tabletten einnehmen. Sehr ähnlich ist das auch bei den Betroffenen von psychischen Erkrankungen, wo die Therapie häufig schon nach der ersten Packung abgebrochen wird. (APA, derStandard.at, 16.5.2014)

  • Nicht immer werden Medikamente so eingenommen wie verschrieben.

    Nicht immer werden Medikamente so eingenommen wie verschrieben.

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