Was Neid mit Killerphrasen zu tun hat

19. Mai 2014, 08:55
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Was sich hinter bissigen Argumenten gerne verbirgt und warum Neid für die Kommunikation relevant ist

Schon in der Antike versuchte man durch Opfergaben Neid und Zorn der Götter abzuwenden. Die gesamte Weltliteratur ist voll von Gier, Eifer- und Habsucht. Laut führenden Entwicklungspsychologen entsteht Neid in uns erst ab dem Alter von zwei Jahren, wenn wir ein Ich-Bewusstsein etabliert haben. Diese üble Charaktereigenschaft verbreitet sich dann wie ein Virus, was sich am Begriff „Neidgesellschaft“ ablesen lässt.

Kulturelle Unterschiede sind erkennbar: Wer es dank seiner Arbeit und Anstrengungen in Amerika zu etwas bringt, wird herzlicher und begeisterter angefeuert als im deutschen Sprachraum. Bei uns versteckt man seinen Besitz lieber und fällt am besten so wenig wie möglich auf. Wer sich dennoch exponiert, der muss mit gesellschaftlichem Mobbing zurechtkommen.

Ganz anders scheint es beim Neid der Besitzlosen zu sein. Soziale Verlierer fühlen sich moralisch sogar im Recht, etwas gegen „die da oben“ zu unternehmen. Managern ihre Gehälter, Boni und Remunerationen zu missgönnen, ist öffentlich akzeptiert - hier wirkt das „Robin-Hood-Syndrom“. Man empfindet es als ungerecht, dass „Menschen, die Stroh im Kopf haben, auch noch Geld wie Heu besitzen“.

Spätestens seit der industriellen Revolution sind wir zu höchst kompetitiven Wesen geworden. Hat der Nachbar das größere Haus, die Kollegin ein volleres Konto, erfolgreichere Kinder oder ein leichteres Schicksal? Wir sind neidisch, weil wir annehmen, dass andere aus ihren Vorteilen eine Befriedigung ziehen, die uns selbst verwehrt bleibt. Missgunst empfinden wir zudem immer stärker den Menschen gegenüber, die uns ähnlich scheinen. Klassentreffen sind ein guter Nährboden für solche Vergleichskämpfe. Niemand käme auf die Idee, neidisch auf die Strahlkraft, Bekanntheit oder Gelassenheit des Dalai Lama zu sein. Er existiert nicht in unserem Erlebnishorizont. Der verhasste Kollege aus der Nachbarabteilung hingegen schon.

Warum ist Neid für die Kommunikation so relevant? Viele Killerphrasen und bissige Argumente werden vorgeschützt, warum jemand seinen Erfolg nicht verdient hat. „Bei ihren Beziehungen ist es leicht, Karriere zu machen.“ Wer in seiner Außenwirkung sichtbar positiv bilanziert, wird schnell als oberflächlich oder skrupellos abgestempelt. Wie sonst ließe sich die privilegierte Situation rechtfertigen? Bei diesem reichen Elternhaus? Der Eliteschule? Alles kein Wunder. Irrtum! Der mutmaßliche Geburtsvorteil mancher Promikinder hat sich oft als Nachteil entpuppt. Der Fortpflanz von beispielsweise Elvis Presley oder Michael Douglas zu sein hat nicht wirklich geholfen, um Karriere zu machen.

Fazit: Druck gibt es nicht nur für sozial Schwächere und Neider, nicht nur unter Armen. Während er über das Glück der anderen trauert, wird der Neidhammel selbst selten glücklich. Hinter der Killerrhetorik lauert oft Neid wie die grüne Kröte mit ihrem Gift im Gebüsch. (DER STANDARD, 17./18.5.2014)

  • Tatjana Lackner ist Gründerin der Schule des Sprechens. Aktuelles Buch: „Die Kommunikationsgesellschaft - Lackners Labor“, Austrian Standards plus
    foto: ho

    Tatjana Lackner ist Gründerin der Schule des Sprechens. Aktuelles Buch: „Die Kommunikationsgesellschaft - Lackners Labor“, Austrian Standards plus

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