Vorsicht: Miles Davis macht Sie fett wie Sau

Kolumne16. Mai 2014, 17:00
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Kleiner Diätratgeber für Musikfreunde

Immer wieder erstaunlich, was an den Universitäten (vor allem den amerikanischen) zusammengeforscht wird, wenn der Tag lang ist. An der Alma Mater Arkansas haben Wissenschafter die geheimen Zusammenhänge von Hintergrundmusik, Speisenverzehr und Taillenumfang untersucht und - wo sonst - in der Zeitschrift Appetite publiziert.

Das Ergebnis in Kürze: Wer beim Essen Hip-Hop hört, bleibt schlank, Jazz dagegen macht fett, dreimal Kind of Blue auflegen, und schon hat man ein Kilo Schmer mehr auf der Plauze. Ob man von Beethoven blad und von Wagner wampert wird, haben die Amis noch nicht erforscht, aber das holen sie hoffentlich nach. Gerade in einer Kulturnation wie der unseren will man wissen, ob man den Philharmonikern gefahrlos beim Abspielen der Eroica zuhören kann oder ob man riskiert, danach mit zwei Zusatzreifen aus eitel Hüftgold aus dem Musikvereinssaal zu rollen.

Trotz der Pionierarbeit der wackeren Akademiker aus Arkansas bleiben manche Zusammenhänge zwischen Jazz und Adipositas rätselhaft. Bei den Musikern findet man neben respektablen Resteln wie Fats Waller, Charlie Mingus und Fats Navarro auch Hungerhaken wie Miles Davis oder John Coltrane. Dizzie Gillespie und der späte Charlie Parker wiederum wirkten durchaus so, als hätten die Veranstalter bei ihren Konzerten ein paar Extraverstrebungen unter der Bühne einziehen müssen.

Schwierig auch die Frage, warum just Jazz die Zuhörer verfettet. Ich vermute, es hat damit zu tun, dass es der schlanken Linie keineswegs zuträglich ist, wenn man beim Verzehr einer Pizza oder eines Hamburgers ständig mit der unterschwelligen Botschaft Take Five berieselt wird.

Zuletzt ein paar Hinweise auf Personen des öffentlichen Lebens, von denen anzunehmen ist, dass sie sich beim Essen gerne einmal ein paar Nummern von Louis Armstrong oder Duke Ellington reingezogen haben bzw. reinziehen: Oliver Hardy, der alte Marlon Brando, Gérard Depardieu, Sumoringer-Legende Konishiki Yasokichi sowie Steffi Werger, die Sängerin der Austro-Adipösenhymne Rund und xund.

Die Genannten mögen mir verzeihen. Schließlich schaut ja auch der Krisenkolumnist nach dem Winter immer so aus, als ob er sich in den kalten Monaten vor allem Jazz angehört hätte, und das nicht zu knapp. (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 17./18.5.2014)

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