Wo der heimische Salafismus seine Nahrung findet

Kommentar der anderen15. Mai 2014, 18:16
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Die gebrochene Identität vieler junger Muslime in Österreich und die Aktionen der Sachwalter religiöser Unterordnung sind der Boden, auf dem Radikalismus gedeiht. Es wäre besser, in die Moscheen und Schulen zu schauen, als Salafisten die Pässe zu entziehen

Der Fall der zwei Mädchen, die nach Syrien aufbrachen, um sich dort dem Kampf der islamistischen Rebellen anzuschließen, schlägt hohe Wellen. Man rätselt, was die jungen Frauen veranlasst haben mag, ihr Leben in einer freien Gesellschaft zugunsten einer auf Unterordnung basierenden Rolle hinter sich zu lassen. Fassungslos nimmt man zur Kenntnis, dass es neben der vielbeklagten Politik- und Religionsverdrossenheit unter jungen Menschen offenbar eine fatale Bereitschaft gibt, sich für Ideologien einzusetzen. Das wirft vor allem die Frage auf, warum es dem Bildungssystem, den Kirchen und Religionsgemeinschaften augenscheinlich nicht gelingt, diese Menschen für ihre Werte zu begeistern.

Will man dieses Problem nicht allein durch die theologische Brille betrachten, ist es hilfreich, sich mit den Hintergründen zu befassen, die eine derartige Interessenlage - diesfalls am Beispiel Österreichs - hervorbringen.

Viele Muslime, die nach Österreich kamen, taten dies aufgrund bitterer Erfahrungen, die mit dem Scheitern eines Gesellschaftssystems einhergehen. Innerhalb dieses Horizonts ist der Kampf gegen vorhandene Strukturen etwas Selbstverständliches, gibt es doch kaum ein islamisches Land, in dem eine friedliche Kooperation zwischen Staat und religiösen Zentren oder Autoritäten bestünde. Dieses angespannte Verhältnis ist seit den Zeiten Mohammeds bis zur Gegenwart unverändert geblieben. Staatlich angeordnete Massaker, massenhafte Todesurteile einerseits und Anschläge gegen öffentliche Einrichtungen andererseits sind nur einige Formen, in denen sich dieses unversöhnliche Verhältnis manifestiert.

Die Bekanntschaft mit den Verhältnissen in Westeuropa ließ ab den 1990er-Jahren bei vielen Muslimen allmählich das Bewusstsein aufkeimen, dass ein anderes, friedliches Verhältnis zwischen Religion und Staat möglich ist. Daraus entwickelte sich - auch wenn man dies ungern zur Kenntnis nimmt - bei jungen Muslimen eine neue, demokratische Gesinnung, dank deren sie sich in ihrer nunmehrigen Umgebung schließlich heimisch fühlen konnten.

Nun ist mit dem Gefühl, Teil einer demokratischen Gesellschaft zu sein, auch der erste Schritt zur Loslösung vom bisherigen hin zu einem neuen Verständnis von Religiosität getan. Und prompt begannen bei den gut organisierten Sachwaltern der einschlägigen Religionsgemeinschaften die Alarmglocken zu schrillen - man sah darin gefährliche Anzeichen einer Assimilation, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen galt. Wie einer Vielzahl von Studien, Predigten und politischen Reden zu entnehmen ist, steht Integration, verstanden als der Erwerb gewisser sprachlicher und beruflicher Qualifikationen, mit dem Gefolgschaftsgebot dieser Organisationen durchaus im Einklang; keinesfalls aber darf diese in der Aufkündigung der Dienstbarkeit münden - denn dann handelt es sich um verräterische Assimilation. Anders ausgedrückt: Von den in der demokratischen Gesellschaft eingebetteten Mitgliedern der religiösen Gemeinschaften wird erwartet, dass sie sich in jeder Hinsicht - ob erkennbar oder im Verborgenen - gleichsam als Soldaten gebärden.

Unter diesem religiös und kulturell begründeten Zwang leiden nicht wenige der in Österreich lebenden jungen Muslime, sehen die Soldaten der wahren Religiosität ihre Mission doch darin, Ansätze von Assimilation im Keim zu ersticken - in Moscheen, Koranschulen, konfessionellen Schulen und den wie Unkraut aus dem Boden schießenden, ohne pädagogische Grundlage geführten Kindergärten, im Religionsunterricht, in der Anstaltsseelsorge usw. Dazu kommt die mangelnde Sensibilität der staatlichen Schulen im Umgang mit der besonderen Lage dieser Jugendlichen im Schulalltag.

Was neben hausgemachten Gründen ebenso wichtig ist, sind internationale Interessen - wir wissen, dass staatliche Anerkennung des Islam oder Nähe zum Balkan Österreich für bestimmte religiöse und politische Gruppen äußerst attraktiv machen.

Was ist zu tun?

Angesichts der Vielfältigkeit und tiefen Verwurzelung der gesellschaftsfeindlichen Tendenzen liegt die Lösung gewiss nicht darin, Salafisten die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Vielmehr gälte es den jungen Menschen Wege aufzuzeigen, von ihnen wahrgenommene Widersprüche zwischen Religion und Demokratie zu überwinden. Dies aber setzte voraus, dass das Bildungssystem sich der Lage der muslimischen Kinder annimmt und versucht, mit neuen, wirksamen Ansätzen die Demokratieerziehung aus deren Verhältnissen heraus voranzutreiben. Darüber hinaus sollten auch die sich als Partner des Staates verstehenden Institutionen - die anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften - verstärkt dazu angehalten werden, nicht nur die Vorteile der Demokratie für ihre eigenen Interessen in Anspruch zu nehmen, sondern ihrerseits einen Beitrag dazu zu leisten.

Umdenkprozess

Der in Österreich zuletzt angestoßene Umdenkprozess, im Zuge dessen der Staat die Ausbildung von Imamen endlich ernst nahm und die Etablierung theologischer Zentren zuließ, war für die Muslime zweifellos ermutigendes Zeichen: Damit hat sich Österreich Kompetenzen verschrieben, die es erlauben, den Islam aus seinem Kontext heraus der demokratischen Verfasstheit der Gesellschaft gemäß zu prägen. Mit diesen Maßnahmen konnten die von außen kommenden theologischen und politischen Einflüsse zwar nicht eliminiert, aber doch entschieden eingeschränkt werden.

Es sind weniger die Salafisten in Syrien, über die wir uns den Kopf zerbrechen sollten, sondern der Zustand unserer Schulen, Moscheen, Kindergärten und anderer Einrichtungen. Die Hinwendung zu den Salafisten steht am Ende einer Entwicklung, die von vielen Einrichtungen und Akteuren leider nach wie vor begünstigt wird. (Ednan Aslan, DER STANDARD, 16.5.2014)

Ednan Aslan (Jg. 1959) ist Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Wien.

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