Innenpolitik zwischen ESC und Life Ball: Im Garten der Unlust

Kolumne15. Mai 2014, 18:25
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Über Erstkommunionslieder, die Zentralmatura und den Tag der Familie

Jetzt kommt noch Conchita Wurst auf dem Ballhausplatz, Ende Mai dann der Life Ball, es gibt also Hoffnung, dass in diesem wuchernden Garten der Lüste, zu dem sich die Insel der Seligen gemausert hat, das zu erwartende Ergebnis der EU-Wahl, die irgendwo zwischen diese beiden staatstragenden Termine fällt, als eher unbedeutend wahrgenommen wird - dann tun sich die Regierungsparteien beim Herunterspielen leichter. Aus deren Reihen wurde der Bevölkerung innerhalb weniger Tage einiges zugemutet, was vielleicht nicht gerade so bedeutend war wie eine Steuerreform, aber charakteristisch für den Geist, der das Land durchwaltet.

So trat der ÖVP-Klubchef wieder einmal dafür ein, den Ländern wesentliche Kompetenzen, konkret die gesamte Verwaltung im Schulbereich, zu überlassen. Und das zur selben Zeit, als in Erwin Prölls Own Country demonstriert wurde, wie man sich das vorstellt. Da wurde der Leiter der Rechtsabteilung im Landesschulrat von dessen Präsident schnurstracks versetzt, weil er das Lernen von Erstkommunionsliedern im Gesamtunterricht richtigerweise für unangebracht hielt, vor allem aber, weil er es an Respekt vor seinem Präsidenten fehlen ließ, der, vermutlich vom Hl. Geist und dem des Landeshauptmanns erleuchtet, den Religionsunterricht dafür als nicht ausreichend empfand. Statt weisungsgemäß vor den höheren Mächten zu kuschen, habe der Mitarbeiter große Verunsicherung bei den Eltern ausgelöst. Ein Disziplinarverfahren wurde ihm gnadenhalber erlassen.

Tieferer Einblick in den Geisteszustand

Danke für diesen Beweis, dass man die Schule keinesfalls den Ländern überlassen darf. Aber wem sonst? Das vielfältige Versagen rund um die Zentralmatura fand seinen Höhepunkt im Gegenstand Deutsch, wo den Schülern zwecks Erlangung der Reife der schwülstige Text eines naziaffinen Autors aus dem Jahre 1947 vorgegeben wurde. Abgesehen von der pädagogischen Unprofessionalität dieses Ansinnens erhebt sich die Frage, wie eine zur Aufgabenstellung bestellte Person aus dem reichen Angebot an deutschsprachiger Literatur ausgerechnet auf einen Mustertext kommt, der "ideologischen Mustern verhaftet ist, aus denen sich der Nationalsozialismus speist" (IG Autoren). An reinen Zufall kann man da nur schwer glauben.

Einen tieferen Einblick in ihren Geisteszustand gewährte auch die Familienministerin mit ihrer Ansicht, der Erste Mai sei, weil Tag der Arbeit, überholt, daher abzuschaffen und durch den 15. Mai als einen Tag der Familien zu ersetzen. Abgesehen von einem für eine Politikerin bemerkenswerten Mangel an historischem Bewusstsein, kam sie gar nicht dazu, zu erklären, was es den Familien bringen soll, wenn sie statt am 1. Mai am 15. Mai feiern, es aber weiterhin an Kinderbetreuungsplätzen fehlt. Das war sogar der ÖVP zu blöd.

Ach ja, und dann wurde dem Volk - Bürokratieabbau - ein neues Amt versprochen, das "Amt der Bundesregierung". Im Geiste der Zentralmatura soll alles Mögliche gebündelt werden. Aber keine Angst, Beamtenchef Fritz Neugebauer hat seine Stirn schon in Falten gelegt. Wenn man berücksichtigt, dass er so etwas wie ein zehnter Landeshauptmann ist, darf man von einer Totgeburt ausgehen. (Günter Traxler, DER STANDARD, 16.5.2014)

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