Deprimierende Erinnerungen an ein Friedensprojekt

15. Mai 2014, 18:02
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Das "Haus der europäischen Geschichte im Exil" fasziniert

Wien - Wir befinden uns irgendwann in der Zukunft. Die zweite Zwischenkriegszeit, also die Zeitspanne ab 1945, ist längst zu Ende. Die EU zerfiel bekanntlich 2018; das zuvor, 2015, in Brüssel eröffnete Haus der europäischen Geschichte musste daher seine Pforten schließen. Es befindet sich auf Wanderschaft, gegenwärtig sind die Exponate in der ehemaligen Zentrale der Post, einem imposanten, abgewohnten, leerstehenden Gebäude, untergebracht.

Der Regisseur Thomas Bellinck, Jahrgang 1983, nutzt die ferne Zukunft als Brille für einen klaren Blick auf die Gegenwart. Und diese lasse Schlimmstes befürchten.

Eigentlich dachte Bellinck an ein Theaterstück; realisiert hat er schließlich ein fiktives Museum. Dementsprechend schwer tat man sich bei den Wiener Festwochen: Das Domo de Europa Historio en Ekzilo, so der esperantoartige Originaltitel des Hauses der europäischen Geschichte im Exil, wird als "Ausstellung/Performance" angeboten. In die Irre führt zudem der Hinweis auf die "Premiere", die am 9. Mai 2013 in Brüssel stattfand, und das "Gastspiel" in Wien.

Mit Theater im herkömmlichen Sinn hat diese vielschichtige Installation wenig zu tun. Sie erinnert an das ebenso fiktive Museum für fremde und vertraute Kulturen, das kürzlich in der Secession die von Lisl Ponger kuratierte Schau The Vanishing Middle Class ("Die verschwindende Mittelklasse") präsentierte. Und sie erinnert auch - in ihrer Ästhetik - an Filme wie Brazil oder 12 Monkeys von Terry Gilliam: Bellinck konstruiert Zukunft mit Versatzstücken aus der Vergangenheit. Konkret glaubt man sich in einen autoritär-kommunistischen Staat der 1970er-Jahre zurückversetzt. Das hat etwas Beklemmendes.

Bei der Frau in der Portiersloge erhält man eine Nummer, dann darf man im arg ramponierten Wartezimmer auf einem orangen Schalensitz Platz nehmen. Eine vergilbte Karte zeigt die EU in ihrer größten Ausdehnung vor dem Zerfall: 2016 kamen Mazedonien, Montenegro und Serbien als Mitgliedsstaaten hinzu, 2017 Schottland, das sich von Großbritannien losgelöst hatte, und die Westukraine, ein Rumpfstaat ohne Meerzugang. Denn Russland reicht im Süden bis Moldau.

Irgendwann wird man über einen Lautsprecher aufgerufen. Man schreitet dann, von Pfeilen geleitet, durch sonderbare Korridore. Wie in einem echten Museum: Man ist mutterseelenallein. Zunächst wird in schäbigen Räumen an glorreiche Zeiten erinnert, an die Gründung der EU und die Verleihung des Friedensnobelpreises 2012. Otto Habsburg ist als Ikone auf Goldgrund dargestellt, sein Begräbnis 2011 hätte "die kaiserliche Schlussszene einer Ära der Befreiung und Wiedervereinigung" gebildet.

Der "Magnet Europa" zieht aber zu viele unliebsame Menschen an, der Rechtsextremismus gewinnt an Bedeutung. Ausgestellt sind etwa ein "EU ist dumm"-Plakat der FPÖ von 2014 und die Fahne einer Neonazi-Partei von 2015. Früher standen sich Soldaten auf dem Schlachtfeld gegenüber, in Brüssel lagert später ein Heer mit 5000 Dolmetschern: In der Welthauptstadt des Lobbyismus wird die Kunst des Kompromisses gepflegt, die schließlich zum kompletten Stillstand führt. Die Stapel mit Verordnungen und Richtlinien haben längst die Decke durchbrochen. Die große Rezession führt zum Ende des Euro und zu einer Selbstmordwelle.

Bellinck versteht zu inszenieren - auch eine Ausstellung. Höchst empfehlenswert. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 16.5.2014) 

Bis 15. 6.

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