Kein Banken-Kehraus im Osten

15. Mai 2014, 17:52
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EBRD: Kreditinstitute verschleppen Aufräumarbeiten

Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) kritisiert die schleppenden Aufräumarbeiten der Kreditinstitute in Osteuropa. Viele Banken haben es bisher verabsäumt, einen Kehraus in ihren Bilanzen vorzunehmen, sagte EBRD-Ökonomin Piroska Nagy am Rande der Jahrestagung der Osteuropabank am Donnerstag in Warschau.

Nagy stört, wie Geldhäuser mit faulen Krediten verfahren: Als faul gilt ein Darlehen, wenn der Schuldner seit 90 Tagen keine Zahlungen leistet. Seit Krisenausbruch ist die Zahl der problematischen Darlehen explodiert. In Rumänien und Serbien wird jeder vierte Kredit nicht mehr bedient, in Ungarn sind mehr als 20 Prozent der Darlehen faul. Die Tendenz ist steigend.

Das Problem aus Sicht der EBRD: Die Kreditinstitute nehmen zwar laufend Wertberichtigungen in ihren Bilanzen vor, doch nach wie vor seien problematische Darlehen in vielen Firmenbüchern zu hoch bewertet.

Oft schleppen Geldhäuser faule Kredite aus Furcht mit sich herum: In vielen osteuropäischen Ländern ist der Immobilienmarkt krisenbedingt eingebrochen. Der Wert der Sicherheiten hinter Immobilienkrediten ist also gesunken. Dieser Wertverlust lässt sich kaschieren, aber nur solange die Bank den Kredit nicht aufgibt und nicht versucht, die Immobilie selbst zu verkaufen. Aus Furcht, hohe Verluste über Nacht realisieren zu müssen, weigern sich viele europäische Banken, ihre problematischen Kreditportfolios an Risikoinvestoren zu verkaufen, wie das in den USA stärker üblich ist.

Aufseher sollen eingreifen

Doch das verschleppte Ausputzen hindert die Banken an der Arbeit, weil zu viele Mitarbeiter mit faulen Krediten beschäftigt sind, sagt Nagy. Die Situation belaste zudem Konsumenten. Nagy plädiert daher für Eingriffe der Finanzaufseher: In der Vergangenheit habe etwa gewirkt, wenn den Banken Zwangsabschreibungen für den Fall angedroht wurden, dass sie den Kehraus nicht beschleunigen.

Eine heftig diskutierte Frage war in Warschau angesichts des Umfelds auch, ob die Märkte in Osteuropa wieder ähnlich profitabel werden können wie vor der Krise. Die Bank Austria zeigte sich optimistisch und präsentierte eine Studie über das vorhandene Potenzial in Rumänien, Kroatien, Russland und Co: Das Finanzvermögen der Menschen in neun ausgewählten Ländern Südosteuropas hat sich demnach seit 2004 zwar mehr als verdoppelt und rund 780 Milliarden Euro erreicht, doch das Nettovermögen der Haushalte ist in Westeuropa im Schnitt immer noch um ein Vielfaches höher, das Aufholpotenzial ist entsprechend groß. (András Szigetvari aus Warschau, DER STANDARD, 16.5.2014)

Die Reise nach Warschau erfolgte auf Einladung der Bank Austria.

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