Eurozone wächst nur dank Deutschlands

15. Mai 2014, 18:02
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Das verstärkt die Rufe nach einem baldigen Handeln der EZB. Österreichs Wirtschaft kommt "nur sehr zaghaft" vom Fleck

Wien - Deutschland bildet wirtschaftlich die einsame Spitze Europas. Im ersten Quartal des Jahres hat die deutsche Wirtschaft für europäische Verhältnisse rasant an Fahrt zugelegt, zeigen Daten von Eurostat. 0,8 Prozent ist die größte Wirtschaft Europas in den ersten drei Monaten des Jahres gewachsen. Dank der robusten Inlandsnachfrage, gerade von den Konsumenten, ist die deutsche Wirtschaft trotz einer schwachen Entwicklung im Rest Europas so stark gewachsen wie seit dem dritten Quartal 2011 nicht mehr. Der Euroraum ist im Schnitt nur um 0,2 Prozent gewachsen.

Einer der Gründe für die robuste Binnennachfrage dürfte der starke deutsche Arbeitsmarkt sein. Seit Ausbruch der europäischen Schuldenkrise im Jahr 2012 ist die Arbeitslosenquote in Deutschland um einen halben Prozentpunkt gefallen (5,1 Prozent), während sie im Euroraum zwischenzeitlich auf zwölf Prozent gestiegen ist. "Die deutsche Wirtschaft ist in einer exzellenten Verfassung", schließt Andreas Rees, Volkswirt der UniCredit, aus den Daten. Dennoch rechnen einige Volkswirte mit einer leichten Abkühlung im zweiten Quartal. Ein Wachstum von zumindest zwei Prozent im Jahr 2014 sollte aber möglich sein.

Ökonomen führen einen Teil des kräftigen Wachstums in Deutschland auf den besonders milden Winter zurück. Dadurch sei gerade die Baukonjunktur stärker gelaufen als erwartet. Doch die relativ schwache Entwicklung im Rest der Eurozone lasse sich so nicht erklären, glaubt etwa Christian Odendahl, Chefvolkswirt beim Centre for European Reform. In Italien und den Niederlanden gab es sogar eine Schrumpfung zu beklagen, die französische Wirtschaft stagnierte. "Wie hätte das Wachstum in diesen Ländern erst mit einem strengen Winter ausgesehen?", fragt Odendahl.

Österreich lässt aus

Die heimische Wirtschaft hat zwischen Jänner und März relativ zu Deutschland ebenso ausgelassen. Die Wirtschaft wachse mit einem Plus von 0,3 Prozent für Marcus Scheiblecker, Ökonom beim Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo, "nur sehr zaghaft". Der Konjunkturexperte hofft auf eine stärkere Wirtschaftsentwicklung im laufenden und nächsten Quartal. Dann dürfte sich das prognostizierte Jahreswachstum von 1,7 Prozent "knapp ausgehen".

Die Zeiten, als Österreich als das "bessere Deutschland" gefeiert wurde, seien jedenfalls vorbei, glaubt Ulrich Schuh, wissenschaftlicher Vorstand des arbeitgebernahen Instituts EcoAustria. "Der Wachstumsvorsprung Österreichs ist Geschichte", sagt der Ökonom auf Standard-Nachfrage. Dafür sieht Schuh drei Gründe: Erstens lege der Welthandel weniger stark zu als noch vor der Krise. Das treffe kleine, exportorientierte Volkswirtschaften wie Österreich etwas mehr. "Zweitens steigt die Arbeitslosigkeit in Österreich, während sie in Deutschland fällt", sagt Schuh. Damit gebe es weniger Raum für Wachstum des Binnenkonsums.

Drittens muss die heimische Regierung aktuell das Budget konsolidieren. "Deutschland hat schon früher konsolidiert, wir sind bei den Hausaufgaben säumig", kritisiert Schuh.

Insgesamt bleibt der heimische Konsument in der Zwickmühle. Die Arbeitslosigkeit dürfte mangels der nötigen Wachstumsraten weiter steigen, gleichzeitig ist laut Eurostat die Inflation mit 1,6 Prozent die höchste im Euroraum (nach heimischer Berechnungsmethode 1,7 Prozent).

Druck auf EZB steigt

Das schwache Wachstum in der Eurozone könnte die Rufe nach der Europäischen Zentralbank verstärken. Die EZB hat vor einer Woche eine Zinssenkung oder andere wirtschaftliche Maßnahmen in Aussicht gestellt. Angesichts von nur 0,9 Prozent Jahreswachstum und nur 0,7 Prozent Inflation bleibt die wirtschaftliche Dynamik in der Eurozone weiter gering. "Die schwachen Daten sind ein weiteres Argument für eine Lockerung der Geldpolitik im Juni", schreiben daher etwa die Europa-Ökonomen von Barclays. (sulu, DER STANDARD, 16.5.2014)

  • Zartes Wachstum in Eurozone, nur Deutschland wächst rasanter.
    foto: apa/dpa/federico gambarini

    Zartes Wachstum in Eurozone, nur Deutschland wächst rasanter.

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