Die Zentralmatura aus der Sicht der Schüler

Leserkommentar15. Mai 2014, 17:00
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Die achten Klassen des Akademischen Gymnasiums Wien schreiben in einem offenen Brief über die Missstände bei der Zentralmatura

In meinen Augen ist dieser Tage jener Punkt erreicht, an dem ich als 18-jährige Schülerin nicht mehr länger akzeptieren kann, wie mit uns Schülerinnen und Schülern in diesem Schulsystem umgegangen wird. Ich tue dies in Übereinstimmung mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus dem Maturajahrgang 2014 des Akademischen Gymnasiums Wien.

Die Zeit rund um die Absolvierung der schriftlichen Reifeprüfung ist für niemanden leicht. Kein Schüler kann sich vorher genau vorstellen, wie eine Klausur vonstatten geht, keiner kann genau einschätzen, wie er nervlich damit fertig wird und was genau ihn oder sie erwartet. Lehrer und Schüler sind wahrscheinlich gleichermaßen aufgeregt, da dies für beide keine alltägliche Situation ist. Trotzdem versucht jeder Kandidat bei der Reifeprüfung sein absolut Bestes zu geben und sich auch dementsprechend dafür vorzubereiten.

Änderung der Beurteilungsregeln

Erst nach Absolvierung der Klausurarbeit zu erfahren, dass die Grenze für eine positive Beurteilung auf 63 Prozent erhöht wird, ist in dieser Situation auf keinen Fall hilfreich. Wer sich bis dahin schon unsicher war, ob seine Leistungen für eine positive Benotung reichen werden, ist nun erst recht verunsichert. Dies gleicht einer Verlängerung der Distanz für einen Strafstoß von elf auf 13 Meter während eines laufenden Fußballspiels, weil gerade eben der Wind von hinten kommt.

Einem Radiointerview vom 8. Mai mit Herrn Direktor Martin Netzer entnehme ich, dass Schülerinnen und Schüler selbst angegeben hätten, die Zentralmatura in Englisch sei ihnen leichtgefallen. Ich frage mich nun, warum dieses positive Gefühl beim Lösen der Aufgaben nicht mit der guten Vorbereitung oder dem Können der Schülerinnen und Schüler begründet wird, sondern mit einer allzu leichten Aufgabenstellung. Diese Begründung kann ich nicht nachvollziehen.

Man stelle sich vor, alle Lehrer würden während eines Schuljahres nach jeder Schularbeit ihre Benotungen dahingehend verändern, ob die Aufgaben und Beispiele für leicht oder schwer gehalten werden. Die von ihnen angestrebten einheitlichen Leistungsbeurteilungen wären dann in jedem Fall hinfällig.

Eine Woche nach Absolvierung der ersten schriftlichen Reifeprüfungen will ich festhalten, dass in meiner Klasse Gott sei Dank nur zwei Mitschüler von dieser neuen Benotungsregelung betroffen sind. Mit 60 Prozent als Richtwert hätten diese Schüler eine positive Note erhalten, mit 63 Prozent tun sie dies jedoch nicht. Ich bin froh, nicht in der Haut dieser Schüler zu stecken. Beide können zwar sicher sein, die volle Unterstützung unserer Professorin sowie der Klasse zu erhalten, doch was erwartet sie jetzt?

Tatsächlich eine negative Note und somit eine zusätzliche mündliche Prüfung, oder wird die bis vor einer Woche noch positiv zu wertende Leistung doch noch anerkannt? Auf welcher rechtlichen Grundlage? Durch diese Änderung entsteht nicht nur eine nervliche Belastung bei den Schülern, es entsteht auch erhöhter Arbeitsaufwand für alle Lehrerinnen und Lehrer, die nun nach einer Möglichkeit suchen müssen, ihren Schülern jene Note zu geben, welche sie ihrer Meinung nach auch verdienen.

Erfahrungen im Fach Mathematik

Probleme sehe ich aber nicht nur mit dieser kurzfristig festgelegten Beurteilungsänderung, sondern auch mit der derzeitigen Ausführung der Zentralmatura im Fach Mathematik. An meiner Schule war zu Beginn der Klausurarbeit überhaupt nur ein Drittel der Aufgabenstellungen vorhanden. Schüler in einer ohnehin schon angespannten Verfassung konnten ihre Reifeprüfung erst nach längerer Verzögerung beginnen. Ein solcher Fehler während einer abschließenden Prüfung ist meiner Meinung nach inakzeptabel und muss für die zuständige Instanz dementsprechende Konsequenzen haben. Dass eine solche Ausnahmesituation nun wirklich nicht dazu beiträgt, die Arbeitsfähigkeit eines Maturanten zu verbessern, erklärt sich wohl von selbst.

Von diesen Schülerinnen und Schülern wissen einige bereits, dass sie mit einem Nicht genügend beurteilt werden. Dies mag mit ebenjener Ausnahmesituation zusammenhängen, ganz bestimmt aber auch damit, dass die schriftliche Zentralmatura in Mathematik bei weitem noch nicht ausreichend entwickelt ist, um auch von gut vorbereiteten Gymnasiasten bewältigt zu werden. Angesichts dieser Probleme bezweifle ich sehr, dass nun in lediglich einem Jahr die erforderlichen Verbesserungen zustande kommen sollen. Aber nur diese machen es vertretbar, die Reifeprüfung in dieser Form verpflichtend an allen österreichischen Schulen durchzuführen.

Maturafach Deutsch

In der Öffentlichkeit wird oft das Fehlen von Sprachverständnis und Lesebereitschaft einer bestimmten Generation beklagt, gleichzeitig wird Literatur aber bei der Reifeprüfung außen vor gelassen. Meine Klasse hat sich acht Jahre lang neben dem vorgesehenen Lehrstoff begeistert mit österreichischer und internationaler Literatur beschäftigt. Es hat viele Schüler dazu angeregt, mehr zu lesen und sich intensiver mit den Schriftstellern zu befassen. Auch hier sehe ich eine Diskrepanz zwischen den geforderten Fähigkeiten und der (ab)geprüften Leistung.

Der dringende Wunsch der Schülerinnen und Schüler

Wir wollen mit diesem offenen Brief unseren Unmut darüber ausdrücken, wie es derzeit um die Zentralmatura bestellt ist. Wir sehen es als Pflicht an, unsere Sorgen und Meinungen öffentlich zu machen, da bereits nächstes Jahr die verpflichtende Zentralmatura in ganz Österreich stattfinden soll. Wir wollen nachkommenden Jahrgängen unbedingt ersparen, Erfahrungen wie die unsrigen machen zu müssen, und fordern Sie deshalb auf, von nun an in höchstem Maße gewissenhaft und verantwortungsbewusst mit der neuen Reifeprüfung umzugehen.

Wir wollen Sie mit diesem Brief auch dringend dazu auffordern, Ihre Standpunkte und Meinungen noch einmal zu überdenken. Es soll ausschließlich zum Wohle der Schülerinnen und Schüler gehandelt werden. Wir bitten Sie, mit Schülerinnen und Schülern sowie Lehrerinnen und Lehrern einen dauerhaften und zielgerichteten Dialog zu führen. Den Betroffenen offen und ehrlich gegenüberzutreten ist unserer Meinung nach das Mindeste, das Ihr Institut nun tun sollte. Ängste und Skepsis sind aufgrund der aktuellen Erfahrungen begründbar, daraus kann mit Sicherheit abgeleitet werden, warum sich die neue kompetenzorientierte Reifeprüfung bei vielen Schülerinnen und Schülern keiner wirklichen Begeisterung erfreut. (Martina Sprinzl, Leserkommentar, derStandard.at, 15.5.2014)

Martina Sprinzl besucht die achte Klasse des Akademischen Gymnasiums Wien.

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