"New York Times"-Chefredakteur Dean Baquet: Aufständischer Aufdecker steigt auf

Kopf des Tages15. Mai 2014, 16:40
posten

Für Enthüllungen über die Verschwendung in der Chicagoer Stadtverwaltung erhielt er mit zwei Kollegen 1988 den Pulitzerpreis

Einen Pulitzerpreis hatte er längst, die wichtigste journalistische Auszeichnung der USA. Und er war Chefredakteur einer der fünf größten Tageszeitungen der USA. Doch richtig bekannt wurde Dean Baquet, als er die "Los Angeles Times" von einem Tag auf den anderen nicht mehr leitete. Er weigerte sich 2006, so viele Redakteurinnen und Redakteure hinauszuwerfen, wie Mutterkonzern Tribune Company vorgab. Die hatte sich mit Zukäufen milliardenschwer verschuldet, Finanz- und Werbekrise nach 2001 verschärften die Lage klassischer Medienhäuser vor allem in den USA.

"Hirnlos" fand Baquet die Sparvorgaben, sagte er damals der "New York Times", und selbstzerstörerisch. Also habe er sich quergelegt: "Ich verstehe, in welcher Situation Zeitungen heute sind. Aber es bringt auch nichts, wenn sie sich selbst bei lebendigem Leibe auffressen." Baquet weigerte sich zu kürzen und wurde selbst gekürzt. Sein Widerstand machte ihn zu einem Helden in den Newsrooms amerikanischer Zeitungen.

Korruption und Missstände

Baquet wuchs in einem Arbeiterviertel in New Orleans auf. Sein erstes Geld verdiente er als Putzkraft im kreolischen Lokal seines Vaters. Das Englischstudium an der Columbia University in New York brach er aus Heimweh ab, berichtete ein Biograf. Zurück in New Orleans, begann er bei einer Lokalzeitung - und begeisterte sich für Journalismus. Baquet berichtete über Polizei, Gerichte und die Stadtverwaltung. Später investigativ über Korruption und Missstände. 1984 wechselte er als Aufdecker vom Dienst zur "Chicago Tribune". Für Enthüllungen über die Verschwendung in der Chicagoer Stadtverwaltung erhielt er mit zwei Kollegen 1988 den Pulitzerpreis.

1990 wechselte er als Enthüllungsjournalist zur "New York Times", wurde Politikchef - und galt schon damals als potenzieller Chefre­dakteur des Weltblatts. Baquet ließ sich von der "Los Angeles Times" abwerben, wurde ihr Chefredakteur und der erste Redak­tionschef mit afroamerikanischen Wurzeln. Bis zur großen Sparwelle von 2006, der weitere und eine Insolvenz folgten. Da war Baquet - heute 57, verheiratet, ein Sohn - schon wieder bei der "New York Times". Als Chef des Hauptstadtbüros in Washington, als Managing Editor - als ihn Verleger Arthur Ochs Sulzberger jr. Mittwoch im Newsroom überraschend als neuen Chefredakteur vorstellte, der Jill ­Abramson ablöst. Seine Vorgänger ­haben schon einige Sparwellen um­gesetzt. (Harald Fidler, DER STANDARD, 16.5.2014)

Zum Thema
Ablöse nach heftiger Spannung: Chefredakteurin der "New York Times" muss gehen
- Wegen ihres Führungsstils und Spannungen mit dem Eigentümer musste Jill Abramson die Chefredaktion des Weltblattes überraschend räumen - Ihr Vize Dean Baquet übernimmt die Führung

  • Dean Baquet ist neuer Chefredakteur der "New York Times".
    foto: apa/epa/new york times

    Dean Baquet ist neuer Chefredakteur der "New York Times".

Share if you care.