"Bolzen Georg": Grazer Museum rollt mittelalterlichen Mordfall auf

15. Mai 2014, 16:47
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Sonderausstellung "Knochen-Code" präsentiert Forschungsergebnisse zu spätmittelalterlichem Skelettfund in Grazer Burg

Graz - "Cold Cases", ungeklärte Gewaltverbrechen, beschäftigen nicht nur Juristen, Kriminologen und Forensiker, sondern auch Archäologen. Einem ziemlich weit zurückliegenden Fall - dem Tod eines etwa 50-jährigen Mannes aus dem 14. Jhdt. - ist die jüngste Ausstellung "Knochen-Code" im Archäologiemuseum des Universalmuseums Joanneum gewidmet.

Die Geschichte wurde im Sommer 2010 aufgerollt: Damals entdeckten Bauarbeiter im Keller der Grazer Burg menschliche Schädel. Die darauffolgende archäologische Grabung förderte in drei Grab-Schächten die fast vollständigen Skelette von zehn Menschen zutage, die alle zu Beginn des 14. Jahrhunderts zu Tode gekommen waren. Das auffälligste Gebein stammte von einem etwa 50-jährigen Mann, der vom Grabungsteam den Spitznamen "Bolzen Georg" erhielt: In seinem Schädel steckte ein Metallbolzen, der knapp unter dem rechten Auge bis ins Gehirn vorgedrungen war.

Tod im Zweikampf

Neben der Verletzung durch den rund acht Zentimeter langen Metallstift wies der Mann zusätzlich am Schädeldach massive Verletuzngen auf. In den darauffolgenden Monaten versuchte ein Team von forensischen Medizinern, Chemikern, Anthropologen und Archäologen herauszufinden, unter welchen Umständen der Mann - dessen sterbliche Überreste nun in der Sonderausstellung des Archäologiemuseums zu sehen sind - zu Tode kam.

"Wir wissen auch heute nicht, was genau passiert ist, können aber davon ausgehen, dass er in einen Zweikampf verwickelt war", so Marko Mele, Kurator des Museums. Am wahrscheinlichsten sei, dass der Gegner mit einer gabelartigen Waffe zuerst auf das Gesicht des Opfers eingestochen und - als sich "Bolzen Georg" schmerzverzerrt nach vorne beugte - mit einem weiteren Hieb das Stirnbein des Opfers durchbohrt hat. Das hätte zu einer tödlichen Hirnblutung geführt - wie in der Ausstellung durch Videoanimationen verdeutlicht wird.

Laut Isotopenanalyse des Zahnschmelzes scheint der Mann zwar seine letzten Lebensjahre in Graz verbracht zu haben, aber nicht dort aufgewachsen zu sein. Bei ihm wie bei über der Hälfte der anderen untersuchten Skelette wurden ein Mangel an Vitamin C und Eisen festgestellt. Während "Bolzen Georg" allerdings eines gewaltsamen Todes starb, scheinen die anderen Bestatteten wohl Opfer einer Epidemie, etwa Grippe, Typhus oder Mumps geworden zu sein. (APA/red, derStandard.at, 15.5.2014)

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