Zeitskulpturen gegen das Verschwinden

15. Mai 2014, 17:53
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Der chinesisch-malaysische Regisseur Tsai Ming-liang nimmt mit ungewöhnlichen Gegenwartsstudien seit den 1990ern eine profilierte Position im Weltkino ein. Die Wiener Festwochen präsentieren sein Werk derzeit auf der Kinoleinwand, der Bühne und im Stadtraum

Wien - Wenn einem in Wien dieser Tage ein Mann im leuchtend roten Mönchsgewand begegnet, der extrem gemessenen Schrittes seinen Weg nimmt, dann handelt es sich höchstwahrscheinlich um einen jener Kurzfilme aus der Walker-Serie, die als Teil der umfassenden Würdigung von Tsai Ming-liang derzeit im Stadtraum auf verschiedensten Displays zu sehen sind.

Bei den Festwochen lässt der international renommierte Autorenfilmer seinen Darsteller Lee Kang-sheng ab heute, Freitag, auch im Bühnenstück Der Mönch aus der Tang-Dynastie im Semper-Depot auftreten. Und man kann Lee außerdem in unterschiedlichsten Lebensstadien im Rahmen einer Retrospektive in den Filmen des inzwischen 56-jährigen Tsai im Stadtkino sehen.

Begonnen hat diese ungewöhnlich enge Zusammenarbeit 1991: Damals war der TV-Film Boys zu besetzen, und er sei, erzählt Tsai Ming-liang im Gespräch mit dem Standard am Rande einer Probe, eines Abends mit einem Freund in Taipeh aus dem Kino gekommen. Da sei dieser junge Mann rauchend auf seinem geparkten Moped gesessen: "Es stand vor einer illegalen Spielhalle - und ich dachte, dieser Junge hat das leicht Abwesende, Kalte, das ich für meine Filmfigur gesucht hatte. Erst Jahre später habe ich auch bemerkt, dass ich etwas von seiner Haltung schon lange kannte - und tatsächlich ähnelt er meinem Vater."

TV-Arbeiten und Kinofilme wie Rebels of The Neon God (1992) oder The River (1997) waren noch stärker von einem sozialrealistischen Ansatz geprägt. Mittlerweile, zuletzt eindrucksvoll mit Stray Dogs veranschaulicht, interessiert sich Tsai kaum noch für Filme als Erzählungen. Vielmehr versuche er, von der physischen Oberfläche zur Psyche, zu den "Wurzeln des menschlichen Daseins" zu gelangen und orientiere sich dabei an Erinnerungen, Träumen, die dem Medium ohnehin nahelägen.

Schon in den Kinofilmen spielen (neben Lee Kang-sheng oder dem alles durchdringenden Wasser) Originalschauplätze, Betonstrukturen, städtische Brachen oder das Metropolengetriebe tragende Rollen. Die Filme seien in diesem Sinne "Zeitskulpturen". Aber auch im Semper-Depot bleibe dessen Geschichte präsent, der Raum Teil der Aufführung - wie das Stück: "Wenn Leute dabei abschweifen, das Gebäude betrachten, ist das auch in Ordnung."

Rund um die Weltpremiere von Stray Dogs machte vergangenen Herbst ein Statement des Regisseurs die Runde, wonach er sich mit dieser Arbeit vom Kino verabschieden würde. Tsai relativiert: Zum einen habe er sich mehr der Walker-Serie widmen wollen. "Daraus ist mittlerweile auch das Stück Der Mönch aus der Tang-Dynastie entstanden. Dann war Lee Kang-sheng eine Zeit lang gesundheitlich angeschlagen - und ihn kann keiner ersetzen."

Andererseits habe er im Zuge der Vorbereitung zu Stray Dogs den Maler Kao Jun-honn kennengelernt - eigentlich ein Street-Artist, der flüchtige Arbeiten hinterlässt: "Ich hingegen habe immer Angst, dass Sachen verschwinden. Das war ein Grund, ihn jetzt zur Mitwirkung einzuladen. Und kürzlich habe ich schon gescherzt: 'Vielleicht sollten wir einen Film drehen.'"

Popkulturelemente oder das Kino als ein solches waren in Tsai Ming-liangs Filmen immer präsent, nun ist ein weiteres dazu gekommen. "Vielleicht auch, weil ich vor ein paar Jahren selbst zu malen begonnen habe, man mich öfter eingeladen hat, Installationen zu machen. Das Malen gibt mir das Gefühl, dass ich freier bin. Ich denke inzwischen, wir sollten unsere Filme wie Maler machen." (Isabella Reicher, DER STANDARD, 16.5.2014)

  • Lee Kang-sheng (li.) und Yang Kuei-mei im 2013 preisgekrönten Kinofilm "Stray Dogs".
    foto: homegreen films

    Lee Kang-sheng (li.) und Yang Kuei-mei im 2013 preisgekrönten Kinofilm "Stray Dogs".

  • Regisseur Tsai Ming-liang.
    foto: ap/domenico stinellis

    Regisseur Tsai Ming-liang.

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