Gastarbeiter-Anwerber: "Ich musste Schicksal spielen"

17. Mai 2014, 12:00
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Günter Pichler, war Personalchef eines Dornbirner Industriebetriebs, und als Anwerber in Istanbul

Dornbirn – Die Auftragsbücher waren voll, aber Arbeitskräfte waren Mangelware.  "Man hat keine österreichischen Arbeitskräfte gefunden, war also quasi gezwungen, Menschen aus dem Ausland zu holen", erinnert sich Günter Pichler.  Als Personalleiter von Zumtobel  Leuchten machte sich Pichler 1970 selbst auf den Weg nach Istanbul. In der Außenhandelsstelle warb der junge Jurist Arbeitskräfte für den Vorarlberger Betrieb.  "Relativ unangenehm" war ihm das Aussuchen, erzählt Pichler. "Ich musste ja gewissermaßen Schicksal spielen. Man konnte nicht alle nehmen, ich habe da sicher die Hoffnungen einiger zerstört."

Kriterien für die Auswahl gab es keine. Eigentlich habe man nach Aussehen gewählt, räumt Pichler ein. "Man hat die Leute schon ein paar Zahlen aufschreiben lassen, aber das war wenig aussagekräftig. Es war mehr oder weniger ein Glücksspiel zum Vorteil der einen und zum Nachteil der anderen."  Im ersten Anwerbeverfahren wurden 25 Menschen ausgesucht.  Sie kamen aus ländlichen Gebieten, "waren alle mehr oder weniger Bauern".

Angst vor dem Fremden

Arbeitsbeginn war für "die Türken" wie sie in Vorarlberg wenig freundlich genannt wurden,  bereits 14 Tage später.  Ihr neuer Arbeitgeber hatte Quartiere vorbereitet, mehrere Häuser angemietet. "Natürlich hatten sie keinen Hausrat mit, daran haben wir nicht gedacht." Pichler ging also mit den neuen Mitarbeitern Haushaltsartikel einkaufen. Der erste Konflikt war programmiert. "Einige Österreicher haben das mitbekommen, sich aufgeregt, dass der Personalleiter mit den Neuen einkaufen geht."

Die neuen Kollegen wurden nicht mit offenen Armen aufgenommen. Pichler: "Die Österreicher, vor allem die schwächeren, sahen Konkurrenz in diesen Leuten. Ihnen war das Fremde, die  andere Kultur, ein gewisses Ärgernis. Die türkischen Kollegen waren anders und erschienen ihnen ein bisschen gefährlich." Mit Folkloreabenden schaffte man Begegnungen, "die Leute sollten sich näher kommen".  Integration war in Dornbirn in den 1970er-Jahren noch kein Thema. Den Wunsch nach einer Moschee habe der damalige Bürgermeister kurz und bündig abgelehnt: "Das wäre ja das Allerletzte."

Betriebe wollten Arbeitskräfte auf Dauer

Obwohl die Arbeitsbewilligungen befristet und je nach Arbeitsmarktsituation verlängert wurden oder nicht, dachten die Unternehmer nicht an vorübergehende Beschäftigung. "Dass die Leute zurückgehen, war ein Wunsch der Politik, weniger der Unternehmer", sagt Günter Pichler. Schließlich dauerte die Anlernphase fünf, sechs Monate. Die Investition in das neue Personal sollte sich für die Betriebe durch gute Arbeit lohnen.  "Wir waren daran interessiert, dass sie länger bleiben."  Pichler, der junge Personalleiter hatte erkannt: "Da sind Menschen mit Gefühlen gekommen, die man nicht beliebig wie Schachfiguren hin- und herschieben kann."

Schon bald wollten die Gastarbeiter Verwandte, Frauen, Kinder nachholen. "Wir haben das unterstützt, vor allem bei den guten Arbeitern", erzählt Pichler.  Das Kalkül dabei: "Wenn einer gut ist, werden auch die Verwandten arbeitswillig sein." Gebremst hätten Arbeitsamt und Arbeitnehmervertretung. "Es wurde befürchtet, dass die billigen Arbeitskräfte das Lohnniveau drücken."

Günter Pichler ist heute Pensionist und Ethik-Lehrer. Seinen Landsleuten bescheinigt der vierfache Doktor Lernfähigkeit, "Man ist wesentlich toleranter geworden, vor allem was die Religion betrifft." (Jutta Berger, 17.5.2014, daStandard.at)

  • Arbeitsvertrag mit einem türkischen Gastarbeiter aus dem WKO-Archiv
    foto: wko/archiv

    Arbeitsvertrag mit einem türkischen Gastarbeiter aus dem WKO-Archiv

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