Wiederkehrende Flatulenz

15. Mai 2014, 17:55
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Norman Mailers Roman "Frühe Tage", dominiert von Totenkult, Sex und Kot, bestimmt Matthew Barneys neuesten Film: "River of Fundament" bei den Wiener Festwochen

Wien - Werden und Vergehen. Tod und Auferstehung. Ewige Fragen mit sich niemals erschöpfenden Antworten. Die Kirche wirft dem in ein klaffendes Loch Blickenden die tröstlich gemeinte Formel "Aus der Erde sind wir genommen, zur Erde sollen wir wieder werden" zu; Matthew Barney geht den Kreislauf des Lebens etwas banaler - vielmehr analer - an. Der Mensch wird "zwischen Pisse und Scheiße geboren", sagt einer seiner Figuren in River of Fundament, und genau das ist die Materie, die totes Fleisch zur Erneuerung führt.

Was man Barney zugutehalten kann: Er hat sich das nicht selbst ausgedacht, sondern sich für sein Monumentalepos an Norman Mailers Roman Frühe Nächte (1983) angelehnt. Die 700 Seiten legte ihm der Autor noch höchstpersönlich ans Herz. Der "gigantische Furz", wie die Village Voice die rektale Reinkarnationsgeschichte des Menenhetet thematisch passend charakterisierte, ist inzwischen vergriffen. Barney hat die Story - ägyptischer Totenkult, aufgemotzt mit Sex, Macht und Gewalt - jedoch in 320 Filmminuten erschöpfend erzählt und dabei skulptural und metaphorisch um einige tausend PS hochgetunt sowie mit prominenten Künstlern wie Lawrence Weiner, Maggie Gyllenhall oder Blondie garniert.

Gleich zu Beginn wabert und gluckst die Kloake im feudalen Kanal mit Kronleuchter und Kadaver: ein Fluss der Fäkalien, der auf dem Weg zu neuem Leben gleich mehrere Male durchquert werden will. Bei Barney ist es allerdings kein ägyptischer Edelmann, sondern der als Sexist verschriene, 2007 verstorbene Mailer himself, der Stunden später im dritten Akt schaumgeboren wiederkehrt.

Geschenk in der Schüssel

Als über und über bekoteter Geist wohnt er dem eigenen Leichenschmaus bei, um dort in der Schüssel der Toilette ein hinterlassenes Geschenk zu finden. Er wickelt es in Blattgold, legt es zurück, und empfängt es wenig später als Gemächt des Osiris - duldsam und von hinten. Dazu gluckert es (vertont von Jonathan Bepler) aus dem künstlichen Darmausgang des Jenseits-Gottes. Und an der Tafel im Salon lebt die Hoffnung weiter: "Oh Norman, du wirst in der Kraft des Wortes weiterleben".

Auch der Pharao beglückt sein Volk mit Ausscheidungen, düngt die Bäume der Versuchung. Weiters ringeln sich Schlangen. Geier harren aus. Es gibt keinen Exkurs, kein Symbol, keine Vulgarität, die Barney auslässt.

Sieben Jahre hat der US-Künstler, den seine Cremaster-Filme in den 1990er Jahre zum Star des Kunstbetriebs machten, an dem zweifelsfrei bildgewaltigen Projekt gearbeitet. Zwar war bereits die Hodenheber-Serie des ehemaligen Highschool-Quarterbacks mit Berufswunsch Schönheitschirurg von einem phallozentristischen Weltbild geprägt, aber sie strotzte vor klinisch sauberer, gespenstischer Makellosigkeit (man schoss maximal mit heißer Vaseline!) - River of Fundament ist ihr besudeltes, tief im stinkenden Morast wühlendes Gegenteil.

Es wäre freilich nicht Barney, wenn er mit den ägyptischen Göttern sein Auslangen fände: Während die Köche Heuschrecken in Blüten wickeln, streut Barney, der Hexer, christliche Symbolik, Schamanismus und Liedgut der indigenen Völker in seinen Alchemistentopf. Und: Er lässt nicht nur Mailer in verschiedenen Ritualen - darunter das Kriechen in die Gebärmutter einer zuvor ausgeweideten Kuh - wiederkehren, sondern auch die Autoindustrie Detroits wiedererstehen. Geopfert wird dazu ein Chrysler Imperial, aus dem trotz größter Malträtierungen noch potenter Quecksilbersamen tropft ("Der Samen des Seth ist eine dickflüssige Milch aus Silber.)". Das Erweckungsritual gipfelt in einer Szene mit glühenden Hochöfen in potenter Industriekulisse aus denen sich das flüssige Metall - auch hier rinnt die Kraft wieder aus phallischen Rohren - in neue Form ergießt. Und Barney hat eine neue, rekordverdächtige Großskulptur geschaffen: den größten nichtindustriellen Eisenguss der Geschichte. Barney ist davon getrieben, große Bilder zu schaffen. Das sind sie, aber sie sind ebenso kalt, technisch, obszön und lustfeindlich.

Obendrein werden Frauen auf das "weibliche Prinzip" reduziert: Sie sind Gebärende, Samen gewinnende Behältnisse, Assistentinnen, die beim Pinkeln das von so viel Lendenkraft schwere Geschlecht halten. Gurgelnd, sprachlos, beglückt emfpangen sie die flüssigen Präsente. Die Kamera hält auf ihre Öffnungen, haarlos und gebleicht. Primitiv. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 16.5.2014)

Noch am 16. und 17. 5. im Gartenbaukino

Ausstellung River of Fundament im Haus der Kunst, München
bis 17. 8.
Gezeigt werden mehr oder weniger "Requisiten" des Films, bzw. die im Rahmen von Matthew Barneys Projekt entstandenen Skulpturen.
Im Rahmen der Ausstellung gibt es Screenings von Arbeiten der Cremaster-Reihe, aber auch noch zwei weitere Aufführungen von River of Fundament, am 31. 5. (17 Uhr) und 1. 6. (12 Uhr), jeweils im Haus der Kunst.

  • Und ist das Symbol auch noch so banal: In "River of Fundament" (2014) lässt Matthew Barney keine Möglichkeit zum Exkurs aus.
    foto: glen dinning

    Und ist das Symbol auch noch so banal: In "River of Fundament" (2014) lässt Matthew Barney keine Möglichkeit zum Exkurs aus.

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