Grubenunglück: Erdogans Handgreiflichkeiten in Soma

16. Mai 2014, 09:02
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Die Zahl der gefundenen Toten stieg auf 284 - 18 Männer werden weiterhin vermisst

Soma - Die Rangeleien beim Auftritt des Recep Tayyip Erdogans nach dem Grubenunglück in Soma haben die Kritik am türkischen Ministerpräsidenten verstärkt. Türkische Oppositionspolitiker und Internetaktivisten empörten sich am Freitag über Erdogan, weil er einen jungen Mann in Soma geohrfeigt habe.

Die Szene soll auf einem am Vortag veröffentlichten Video festgehalten sein - allerdings ist die Sequenz verwackelt, so dass Erdogans Verhalten nur undeutlich zu erkennen ist. (Etwa bei Minute 1:56)

Buhrufe

Erdogan war bei seinem Auftritt in Soma von einer Menschenmenge ausgebuht und ausgepfiffen worden. Sicherheitskräfte bahnten ihm den Weg durch Demonstranten in ein Geschäft. Dort kam es zur Konfrontation mit einem jungen Mann. Dieser sagte türkischen Medien, der Ministerpräsident habe ihn unbeabsichtigt geschlagen, weil er wütend auf die Demonstranten gewesen und die Kontrolle verloren habe. "Ich werde den Herrn Ministerpräsidenten nicht anzeigen. Ich erwarte nur eine Entschuldigung", sagte Taner Kuruca.

Bei seiner Abfahrt griffen Umstehende den Konvoi und den Wagen an, in dem Erdogan chauffiert wurde.

Auch türkische Oppositionspolitiker kritisierten Erdogan. "Das ist unser Ministerpräsident, den wir sehr gut kennen. Alle über Manieren belehren, aber sich selbst unverschämt verhalten", sagte der CHP-Politiker Gürsel Tekin. Kritik kam auch aus der ultranationalistischen Partei MHP.

Entschuldigung von Berater

Entrüstung löste auch Yusuf Yerkel, ein Berater von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, aus, als er am Ort der Katastrophe auf einen Demonstranten eintritt, den zwei Sicherheitskräfte am Boden festhalten. Türkischen Medienberichten zufolge sagte Yerkel, bei dem Mann habe es sich um einen militanten Linken gehandelt, der ihn und Erdogan angegriffen und beleidigt habe.

Der Berater hat sich für Tritte mittlerweile entschuldigt. "Der Zwischenfall am Mittwoch in Soma tut mir sehr leid", zitierten türkische Medien am Freitag eine Erklärung von Yusuf Yerkel. Wegen "Provokationen, Beleidigungen und Angriffen" habe er die Selbstbeherrschung verloren.

Die Katastrophe in Soma ist mit mindestens 284 toten Arbeitern das schwerste Bergwerksunglück in der Geschichte der Türkei. Fast alle Opfer des verheerenden Grubenunglücks in der Türkei sind nach Angaben der Regierung inzwischen gefunden worden. Energieminister Taner Yildiz sprach am Freitag - drei Tage nach der Katastrophe - von noch 18 vermissten Männern. Das gehe aus Aufzeichnungen des Minenbetreibers und der Familien hervor.

Die Zahl der gefundenen Toten stieg auf 284.

Streikaufruf und Proteste

Das Unglück führte auch zu Protesten. In der westtürkischen Küstenmetropole Izmir ging die Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern gegen rund 20.000 Demonstranten vor, wie türkische Medien berichteten. Mehrere Gewerkschaften hatten zum Streik aufgerufen.

In der Hauptstadt Ankara und in der Metropole Istanbul hatten schon am Mittwochabend Tausende Menschen wegen des Grubenunglücks den Rücktritt der Regierung gefordert. Die Polizei ging auch dort mit Wasserwerfern und Tränengas gegen Demonstranten vor. Gewerkschaften kritisierten, es habe sich nicht um einen Unfall, sondern um "Mord" an den Arbeitern gehandelt. Im ganzen Land wehten die Flaggen auf halbmast.

Unfälle, "die ständig passieren"

Erdogan hatte die schlechte Sicherheitsbilanz der Kohlebergwerke in seinem Land nach einem Besuch am Katastrophenort heruntergespielt. "Solche Unfälle passieren ständig", sagte er. "Ich schaue zurück in die englische Vergangenheit, wo 1862 in einem Bergwerk 204 Menschen starben."

Am Donnerstag besuchte auch Staatspräsident Abdullah Gül Soma. Er versprach eine Aufklärung der Katastrophe: "Die Untersuchungen haben schon begonnen. Sie werden mit großer Sorgfalt weitergeführt." Gül sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus. "Es ist ein großer Schmerz, und es ist unser aller Schmerz." 

Türkische Medien berichteten, die Regierungspartei AKP habe im vergangenen Monat Forderungen der Opposition zurückgewiesen, die Sicherheit an der Zeche zu überprüfen. Die Soma Holding teilte mit, die zuständigen Behörden überprüften das Bergwerk alle sechs Monate. Die letzte Kontrolle sei im März gewesen. Dabei seien keine Unregelmäßigkeiten festgestellt worden. Nach dem verheerenden Unglück war Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen in Soma und in türkischen Bergwerken generell laut geworden.(APA/dpa/red, derStandard.at, 15./16.5.2014)

  • Eine Frau betrauert den Tod eines Verwandten bei dem Grubenunglück in der Türkei.
    foto: reuters/osman orsal

    Eine Frau betrauert den Tod eines Verwandten bei dem Grubenunglück in der Türkei.

  • Trauerszenen bei der Bergung eines Todesopfers.
    foto: ap photo/depo photos

    Trauerszenen bei der Bergung eines Todesopfers.

  • Präsident Abdullah Gül gibt sich volksnah.
    foto: ap photo/murat cetinmuhurdar, turkish presidency press office, ho

    Präsident Abdullah Gül gibt sich volksnah.

  • Ein Demonstrationszug in Ankara gibt der türkischen Regierung Schuld an der Tragödie.
    foto: reuters/stringer

    Ein Demonstrationszug in Ankara gibt der türkischen Regierung Schuld an der Tragödie.

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