Salzburg: Blaue Routine im halbvollen Bierkeller

Reportage15. Mai 2014, 15:51
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Wahlkampfauftritt von Harald Vilimsky und Heinz-Christian Strache oszilliert zwischen Conchita-Bashing und Putin-Verständnis

Salzburg – Die Protestkundgebungen, die bei jedem Auftritt von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache in Salzburg organisiert werden, haben seit vielen Jahren Tradition. Inzwischen haftet ihnen sogar schon etwas Folkloristisches an. Mittwochnachmittag diese Woche, zwei Stunden vor dem Auftritt von Vilimsky und Strache im Stiegl-Keller, war das dann aber doch mehr als die übliche Protestroutine. Statt wie sonst zwei, drei Dutzend kamen rund 200 Demonstranten. Das ist für Salzburger Verhältnisse gar nicht so wenig.

Viele kamen freilich nicht primär wegen Strache und der FPÖ. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ist das Denkmal für die rund 500 Salzburger Euthanasieopfer im Kurpark neben dem Schloss Mirabell schwer beschädigt worden. Es war der bis dato brutalste Anschlag auf ein Mahnmal für die Opfer des Nazi-Terrors in Salzburg. Der Schock über die unheimliche Serie rechtsextremer Vandalenakte in den vergangenen Monaten an der Salzach ist bei vielen Demo-Teilnehmern spürbar.

Fürs Personal ein ruhiger Abend

Während der Demozug vom Euthanasiedenkmal über den Makartplatz und die Staatsbrücke zum Kapitelplatz beim Salzburger Dom zieht, laufen im Stiegl-Keller die letzten Vorbereitungen für den Auftritt des Spitzenkandidaten und des Parteichefs. Es ist eine eingespielte Wahlkampfmaschinerie, die da abläuft. Prospekte auf den Tischen, der Beamer wirft Plakatmotive an die Wände, Mikros werden gecheckt. Nur der Saalschutz ist nervös: "Da sitzen zwei im Saal, die nicht dazupassen." Die Aufregung legt sich aber schnell wieder, es sind doch keine FPÖ-Gegner.

Auch das Personal im Stiegl-Keller am Festungsberg knapp unter der Festung übt sich in Gelassenheit. Im Unterschied zu FPÖ-Abenden in der Vergangenheit ist der Saal nur locker bestuhlt. Der Andrang hält sich in Grenzen, nur langsam tröpfeln die Gäste in den Saal - von den rund 50 Parteifunktionären einmal abgesehen, überwiegend ältere Semester. In Summe haben sich dann an die 300 Personen im Stiegl-Keller eingefunden. Ein Drittel davon ist wohl irgendwie in beruflicher Funktion dabei: Saalschutz, Technik, Medienleute, Saalpersonal und Parteifunktionäre. Ein ruhiger Abend kündigt sich an; und so werden lächelnd Schnitzel, Frankfurter und Getränke serviert. Auf vier Euro kommt die Halbe Bier, Salzburg ist auch bei FPÖ-Veranstaltungen ein teures Pflaster.

Wenig "Prosit der Gemütlichkeit"

Gegen die laue Stimmung im Saal kämpft auch das volkstümliche Unterhaltungstrio Musischwung aus dem Flachgau vergeblich an. Die flachen Witzchen mit Pointen der Sorte, es sei doch egal, wer – Faymann, Spindelegger oder Glawischnig – bei einem Sprung vom Donauturm zuerst unten aufschlage, reißen das FPÖ-Publikum nicht vom Sessel. Selbst die Bierzelthymne "Ein Prosit der Gemütlichkeit" singt kaum jemand mit.

Dann endlich kommen Vilimsky und Strache. Es sind die bekannten Abläufe: Die Musik wird laut, der Begleittross schwenkt Fahnen, Strache schüttelt Hände. Aber schon die Begrüßungsreden schläfern den inzwischen halbvollen Saal wieder ein. Der blaue Stadtparteiobmann Andreas Schöppl begrüßt fast jeden einzelnen der erschienenen Funktionäre namentlich. So was dauert.

Vilimsky hat es schwer, die auch durch die schon sehr zigarettenrauchgeschwängerte Luft ermüdeten Besucher bei der Stange zu halten. Und da die EU die Leute weniger interessiert, kommen zuerst einmal Tom Neuwirth alias Conchita Wurst und das Life-Ball-Plakat an die Reihe. Frauen mit Bart und eine nackte Person auf einem Plakat, die Mann und Frau in einem symbolisiert, sind Vilimskys Sache nicht. "Da läuft was falsch in der Gesellschaft." Jetzt endlich ist ein Teil der Zuhörer aufgewacht, der Applaus wird kräftiger. Kurz geht's noch um Fragen wie Bettler und Einbrecherbanden. Vilimsky will Schengen lieber wieder abschaffen und zehn Minuten länger an der Grenze stehen, dafür könnten dann keine Verbrecherbanden ins Land kommen.

Ukraine und Kalifornien

Dann der Auftritt vom Chef selbst. Aber auch Strache hat Mühe mit der matten Stimmung. Budgetdefizit, Staatsverschuldung, Arbeitslosigkeit, kalte Progression – alles keine Blockbuster. Strache wirbt mit politisch und geografisch merkwürdigen Vergleichen um Verständnis für den russischen Präsidenten Putin. Wenn so etwas wie in der Ukraine in Kalifornien geschehen würde, könnte Präsident Obama auch nicht tatenlos zusehen. Seinen größten Applaus erntet er mit dem Thema Kreuz im Klassenzimmer. Wem das nicht passe, der solle einfach das Land verlassen.

Conchita Wurst ist auch ihm ein Thema. Zum Sieg beim Song Contest habe er aus sportlicher Fairness gratuliert, sagt Strache, aber Fan werde er keiner. "Wenn du hetero bist, ist man heute bereits abseits der Norm."

Übrigens: Dass wenige Stunden vor der Wahlveranstaltung das Euthanasie-Mahnmal schwer beschädigt wurde, war weder bei den Salzburger Freiheitlichen noch bei der Bundesspitze ein Thema. (Thomas Neuhold, derStandard.at, 15.5.2014)

  • Die von der "Plattform gegen Rechts" initiierte Protestkundgebung  gegen den Auftritt von FP-Chef Strache startet beim in der Nacht davor  schwer beschädigten Euthanasiedenkmal im Salzburger Kurgarten.
    foto: thomas neuhold

    Die von der "Plattform gegen Rechts" initiierte Protestkundgebung  gegen den Auftritt von FP-Chef Strache startet beim in der Nacht davor  schwer beschädigten Euthanasiedenkmal im Salzburger Kurgarten.

  • Das Salzburger Trio "Musischwung" versucht mit volkstümlichen Melodien und flachen Witzchen Stimmung in den Saal zu bringen.
    foto: thomas neuhold

    Das Salzburger Trio "Musischwung" versucht mit volkstümlichen Melodien und flachen Witzchen Stimmung in den Saal zu bringen.

  •  Lokaler Parteichef vor den Konterfeis der Bundesspitze: FPÖ-Stadtparteichef Andreas Schöppl bei seiner Begrüßungsansprache.
    foto: thomas neuhold

    Lokaler Parteichef vor den Konterfeis der Bundesspitze: FPÖ-Stadtparteichef Andreas Schöppl bei seiner Begrüßungsansprache.

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