Widerstand gegen die Junkies der fossilen Energie

15. Mai 2014, 15:02
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Faiza Oulahsen war eine der "Arctic 30", die nach einem Greenpeace-Protest in russischer Haft schmorten. Vor den Erdgesprächen in Wien sprach sie über die Zustände im Kerker und zivilen Widerstand

Wien – "Ich würde heute nicht mehr zur Gazprom-Plattform fahren. Das wäre keine gute Idee", erklärte die niederländische Greenpeace-Aktivistin Faiza Oulahsen am Donnerstag in Wien. Aber nicht, weil ihr und 29 weiteren Umweltaktivisten in russischer Haft die Schneid abgekauft worden wäre. "Aber wir sind wegen angeblicher Piraterie und anderer Punkte immerhin mit 15 Jahre Haft bedroht gewesen. Das hat es vorher noch nie gegeben, das ist eine neue Dimension."

Das Entern des Greenpeace-Schiffs "Arctic Sunrise" durch russische Einheiten im September des Vorjahrs kam auch völlig überraschend: "Im Jahr zuvor hatten wir genau die gleiche Aktion an der selben arktischen Förderplattform durchgeführt – und es war überhaupt nichts passiert."

Kreative Proteste

Gleichwohl werden der Protest und die Arktis-Kampagne mit anderen Mitteln und an anderen Orten weitergehen – da ist man bei Greenpeace recht kreativ. Und die Botschaft ging angesichts der russischen Inhaftierung der "Arctic 30" ohnehin um die Welt: "Die Arktis ist eines der wichtigsten Ökosysteme der Welt", betont Oulahsen am Donnerstag. "Und ein russischer Techniker bekannte einmal: Dort nach Öl zu bohren ist eine größere Herausforderung als eine Operation im Weltraum."

Über die Zustände in russischer Haft spricht Oulahsen hingegen nur, wenn sie direkt danach gefragt wird. Wachpersonal und Polizisten seien weitgehend freundlich gewesen – "die wussten ja auch, dass das alles im Grunde eine Farce ist", berichtet die Aktivistin zunächst.

Isolationshaft, Schlafentzug

Doch dann kommen die Details: In Murmansk war sie ständig in Isolationshaft – der einzige Kontakt zur Außenwelt waren geschmuggelte Briefe. Schlafentzug hatte offenbar System – ständig lief laute Musik. Auch wurde bei eisigen Temperaturen das Fenster ständig offen gehalten – warme Kleidung hatte sie bei der Festnahme nicht mehr mitnehmen können. Zu essen gab es nur trockenes Brot und Erdäpfel – wurde ihr von draußen beispielsweise Obst geschickt, kam es erst bei ihr an, wenn es verdorben war.

Ob sie glaubt, dass sie ohne Olympische Spiele in Sochi noch länger in Haft geblieben wäre? "Das habe ich mich selbst oft gefragt", überlegt Oulahsen. "Während der Zeit im Gefängnis hatte ich jedenfall zwei Hoffnungen: Das eine war der internationale Druck, den andere Länder hoffentlich auf Russland ausüben würden. Das andere waren die bald beginnenden Olympischen Spiele." So war es dann jedenfalls eine Reise von insgesamt 100 Tagen: von der Abfahrt der "Arctic Sunrise" über die Haft in Russland bis hin zum Rückflug.

Kogler: "Eine gewisse rabiate Haltung"

"Verglichen mit derartigen globalen Zuständen haben wir in Österreich natürlich eine vergleichsweise nette Veranstaltung", wägt Grün-Politiker Werner Kogler am Donnerstagvormittag im Wiener 25-Hours-Hotel ab. "Aber wir leben auch nicht auf einer Insel der Seligen. Wenn Tierschützer über einen Paragrafen, der gegen das organisierte Verbrechen gerichtet ist, mit Haft bedroht werden, dann sind da durchaus Parallelen zu erkennen." Auch im Fall des Kraftwerksprojekts Schwarze Sulm ortet Kogler "eine gewisse rabiate Haltung: Politiker und Behörden sind da richtig marodierend unterwegs. Die steirische Regierung arbeitet umweltverbrecherisch – und wer darauf hinweist, wird zivilrechtlich niedergeklagt."

Zivilgesellschaftlichen Widerstand gab und gibt es hier – wie auch in der Arktis. Auch sind die Ziele inhaltlich die gleichen: Entscheidend sei der Übergang ins "Solarzeitalter" – aber "wir leiden an Gedächtnisverlust", diagnostiziert die Greenpeace-Campaignerin. "Vor fünf Jahren hatten wir bereits die erste Gaskrise, als Russland der Ukraine den Hahn zudrehte", erinnert Oulahsen. "Und was passiert? Mitten in der neuen Ukraine-Krise verschiebt die EU den Beschluss ihrer Klimaziele." Beim Ausbau der erneuerbaren Energieproduktion gehe es nicht nur um Umwelt- und Klimaschutz, sondern auch um die Energiesicherheit der EU.

"Die Volkswirtschaft ist einfach abhängig wie ein Junkie von den fossilen Energieträgern", formuliert Kogler das gleiche Thema. "Wir müssten aus dem Öl schon viel weiter draußen sein – aber was machen wir? Wir binden uns noch stärker ans Gas." (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 15.5.2014)

  • Ein Bild, das um die Welt ging: Die niederländische Greenpeace-Aktivistin Faiza Oulahsen in russischer Haft. Am Donnerstag tritt sie bei den Erdgesprächen in der Wiener Hofburg auf.
    foto: reuters/dmitri sharomov/greenpeace

    Ein Bild, das um die Welt ging: Die niederländische Greenpeace-Aktivistin Faiza Oulahsen in russischer Haft. Am Donnerstag tritt sie bei den Erdgesprächen in der Wiener Hofburg auf.

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