Prozess in Wien gegen halbblinden Unfalllenker

16. Mai 2014, 08:37
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Ein 69-Jähriger ist wegen fahrlässiger Körperverletzung vor Gericht, da er einen Fußgänger auf dem Schutzweg niedergefahren hat. Unterwegs war er ohne Führerschein und Sehkraft

Wien - "Wo haben Sie das Opfer zum ersten Mal gesehen?", fragt Richter Stefan Renner Norbert K., den 69-jährigen Angeklagten. "Als ich ihn niedergefahren habe", bekommt er zur Antwort. Am 1. August hat K. nämlich auf einem Schutzweg in Wien-Favoriten einen von rechts kommenden Fußgänger gerammt. Laut Anklage, da er halbblind und ohne Führerschein mit seinem Fahrzeug unterwegs war.

Fahrlässige Körperverletzung unter besonders gefährlichen Umständen nennt sich das Delikt, für das dem Pensionisten bis zu zwei Jahre Gefängnis drohen. Er ist dennoch ohne Verteidiger gekommen und bekennt sich ohne Umschweife schuldig. Er sei mit seiner Lebensgefährtin unterwegs gewesen, "ich bin eh langsam gefahren. Und im nächsten Moment habe ich ihn erwischt."

Ohne Führerschein unterwegs

"Haben Sie damals einen Führerschein gehabt?", will der Richter wissen. "Ja." - "Meines Wissens war Ihnen der aber schon entzogen", hilft Renner K. auf die Sprünge. "Kann sein." - "Und warum sind Sie dann wieder gefahren?" - "Na ja, ich bin eh nicht viel gefahren", lautet die Entschuldigung.

Der Führerscheinentzug lag an der Sehschwäche des Angeklagten, die der Sachverständige präzisiert. "Er ist hoch kurzsichtig, litt am Grauen Star, nach einer Operation hatte er drei Dioptrien", führt der Experte aus. "Mit der entsprechenden Brille wäre eine Sehleistung von 70 und 50 Prozent am rechten beziehungsweise linken Auge möglich gewesen."

Keine passende Brille

Das Problem: K. fand keinen Sehbehelf, der ihm passte. "Daher hat er es vorgezogen, ohne Brille zu leben", erklärt der Sachverständige. Die Folge war, dass der Angeklagte nur mehr 30 Prozent der Sehleistung eines Normalsichtigen hatte.

Ob das aber kausal für den Unfall verantwortlich ist oder ob K. abgelenkt war, könne er nicht sagen. Aufklärung bringt in dieser Frage die Lebensgefährtin des Angeklagten.

Die ihre Eignung zunächst in Zweifel zieht: "Dadurch, dass ich blind bin, kann ich ja gar nicht Zeugin sein." Renner beruhigt sie, er will sie nur nach ihren akustischen Eindrücken fragen. "Das Radio ist immer an bei uns", verrät sie.

"Und, hat der Angeklagte vor dem Unfall noch etwas gesagt? 'Da, schau her'?", bringt Renner nicht den glücklichsten Beispielsatz. "Nein."

Opfer ohne Erinnerung

Das Opfer, ein 58-jähriger Arzt, kann wenig zur Wahrheitsfindung beitragen. "Ich kann nur die Angabe machen, dass ich keine Angaben machen kann", erklärt er launig. "Ich bin von der Praxis weggegangen und dann im Donauspital aufgewacht."

Er kam glücklicherweise vergleichsweise glimpflich davon. Eine kleine Hirnblutung, Gehirnerschütterung, Abschürfung machten rund drei Wochen Krankenstand erforderlich, für den er 2.300 Euro Schmerzensgeld will.

Die ihm der Richter schließlich zuspricht. Der Angeklagte muss aber noch mehr Geld zahlen: Renner verurteilt ihn, nicht rechtskräftig, zu vier Monaten bedingt und 3.600 Euro unbedingter Geldstrafe. "Das ist keine Kleinigkeit, wenn man nichts sieht und jemanden abschießt", ermahnt er den unbescholtenen Angeklagten. Die gute Nachricht: Der trägt mittlerweile Kontaktlinsen. (Michael Möseneder, derStandard.at, 16.5.2014)

  • Auf dem zebragestreiften Schutzweg ist gelegentlich der Schutz auch weg.
    foto: dpa

    Auf dem zebragestreiften Schutzweg ist gelegentlich der Schutz auch weg.

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