Aggression als wichtiger Teil des Familienlebens

Kolumne18. Mai 2014, 17:00
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Warum Aggression ein Versuch sein kann, Liebe auszudrücken

Es besteht kein Zweifel daran, dass wir mit unterschiedlichen Temperamenten geboren werden. Manche von uns sind philosophisch und zurückhaltend, andere sind extrovertiert und voller Überraschungen, wieder andere sind aggressiv - ich nenne sie die "Krieger". Um die soll es heute gehen. Es scheint so, als würden diese Menschen jede Herausforderung oder Bürde als etwas betrachten, gegen das sie mit aller Kraft ankämpfen müssen.

Manche Kinder weinen innerlich, wenn sie frustriert sind oder ihnen etwas nicht gelingt. Die "Krieger" schreien, stoßen oder werfen Dinge weg. Sie werden Herausforderungen bis zum Erwachsenenalter so angehen, und es wäre keine gute Idee, sie zu ändern. Wir wissen nicht viel darüber, warum sich Kinder so fühlen. Was wir aber wissen, ist, dass sie meist ein persönliches Ringen durchleben. Zeit mit ihnen zu verbringen kostet eine Menge Energie, und die Beziehung zu ihnen ist meistens kompliziert.

Furcht macht aggressiv

Aggression wie auch Irritation, Wut, Hass und Rage haben viele Ursachen. Eine davon ist Furcht. Furcht vor Autorität und Verlust und die Angst vor dem Sterben sind weitere Ursachen. Schuldgefühl verwandelt sich oft in ein aggressives Verhalten. Wenn wir mit dem Gefühl der Schuld und der Selbstverurteilung nicht fertigwerden, beginnen wir, andere zu kritisieren und ihnen die Schuld zu geben.

Es ist ein tief verwurzeltes menschliches Bedürfnis, dass wir von denen, die wir lieben und um die wir uns sorgen, als wertvoll empfunden werden. Sich wertvoll zu fühlen ist das Herzstück unseres Selbst. Von Zeit zu Zeit jedoch geht dieses Gefühl verschütt, und die Kommunikation innerhalb der Familie wird zur Herausforderung. Wir drücken uns dann vielleicht unklar aus und fühlen uns missverstanden.

Wir haben alle unsere eigenen besonderen Erfahrungen, und so ist es manchmal schwierig, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Vielleicht sind wir mental oder emotional nicht immer präsent - und als eine Konsequenz daraus fühlen wir uns von anderen Menschen abgeschnitten oder getrennt. Es sind in der Tat unzählige Dinge, die der guten Kommunikation im Weg stehen. Das kann uns schon einmal ein Gefühl von Einsamkeit vermitteln.

Den Boden unter den Füßen verlieren

Wenn wir das Gefühl haben, von anderen oder von unseren Eltern nicht als wertvoll angesehen zu werden, ist das in etwa so, als würde uns jemand den Boden unter den Füßen wegziehen - auch wenn es nur ein ganz kurzes Gefühl sein mag. Unsere erste natürliche Reaktion darauf ist Aggressivität: Zuerst fühlen wir uns etwas unruhig, sind irritiert, verärgert oder wütend. So geht es auch Kindern.

Diese Gefühle finden ihre verschiedensten Ausdrucksformen. Lange Zeit wurde es Frauen beispielsweise nicht zugestanden, in der gleichen lauten und ausdrucksstarken Weise verärgert zu sein wie Männer. Stattdessen weinten sie oft. Oder sie entwickelten psychosomatische Symptome wie Kopfweh, Bauchweh, Fieber und chronische Beschwerden, um die häufigsten zu nennen.

Männer werden hingegen bei Ärger oft leise und ziehen sich hinter die Zeitung, das Fernsehgerät, eine Angel oder in die Werkstatt zurück. Und lange Zeit erlaubte man Kindern kein Wehklagen, wenn sie angegriffen wurden.

Die Aggression willkommen heißen

Natürlich gibt es unterschiedliche, auch kulturell bedingte Auffassungen von "aggressiv sein". Es gibt auch Menschen, die ihre Aggression konsequent nach innen richten. Und zwar in Form von Selbstvorwürfen, Depressionen, Schuldgefühlen oder Ähnlichem. Wenn ein Familienmitglied plötzlich aggressiv wird, heißt das übersetzt: "Ich fühle mich von dir nicht so wertgeschätzt, wie ich es gerne möchte. Ich habe das Gefühl, dass du glaubst, dass ich, wie ich bin, nicht richtig bin oder dass ich dir auf die Nerven gehe!" Genau das ist der Grund, warum es in einer Familie notwendig ist, die Aggression willkommen zu heißen.

Aggression ist nicht der Feind von Liebe und Zuneigung. Sie ist eine andere Art, Liebe auszudrücken. Wenn sie ignoriert oder zurückgedrängt wird, wird sie immer größer, wird schließlich zum Vulkanausbruch oder eisig kalt. Doch warum werden wir eigentlich aggressiv und verletzend, wenn wir glauben, von anderen nicht als wertvoll empfunden zu werden? Es würde doch mehr Sinn ergeben, traurig zu werden.

Das Gefühl des Nichtgelingens

Wenn wir uns von uns nahestehenden Personen nicht wertgeschätzt finden, passiert das, weil wir glauben, dass wir nicht so wertvoll sind. Beispielsweise war viele Jahrhunderte lang der Mann der Ernährer und Familienerhalter, seine Berufstätigkeit oft kaum mit Freude verbunden. Generationen vor uns haben versucht, das zu ändern. Trotzdem werden viele Männer dieses alte Gefühl nicht los, dass es ihre Pflicht ist, die Familie zu erhalten und die bestmöglichen Voraussetzungen zu schaffen.

Das birgt einen Konflikt in sich: Der Mann arbeitet hart, um die Bedürfnisse der Familie zu befriedigen. Wenigen Männern gelingt es zu sagen: "Seht her: Ich arbeite für das Wohlergehen der Familie." Die Frau hingegen verbringt oft mehr Zeit zu Hause, arbeitet dort viel und leidet oft darunter, dass dies nicht wertgeschätzt wird. Beide Seiten verwenden sehr viel Energie dafür, wertvoll für den anderen zu sein - und haben doch ein Gefühl des Nichtgelingens. Es ist also immer wieder wichtig zu überprüfen, ob unsere Bestrebungen, uns wertvoll zu fühlen, funktionieren. Aggressivität ist oft ein Zeichen dafür, dass die Zeit reif für eine Unterhaltung darüber ist.

Das Feedback der Kinder

Aggression entsteht aus Machtlosigkeit, Verlust und Angst. Manche Eltern schlagen dann ihre Kinder körperlich, andere benutzen dafür ihre "Zunge", wie Kinder es ausdrücken, wenn sie geschimpft werden. Aus Kindersicht macht es keinen großen Unterschied, wie sie geschlagen werden. Sie verlieren sehr schnell das Gefühl, für ihre Eltern wertvoll zu sein. Ihr Verhalten ist sehr vorhersehbar: Auch sie antworten mit Aggression. So werden sie entweder zurückschlagen oder verletzend antworten. Oder sie drängen das Gefühl nach innen, werden traurig und fühlen sich schuldig.

Elterliche Aggression liegt immer in der Verantwortung der Erwachsenen. Sie ist niemals die Schuld des Kindes.

Das Wissen, dass Aggression ein wichtiger Teil eines Familienlebens ist, ist das eine. Das andere ist es, darauf zu achten, dass die Aggression nicht außer Rand und Band gerät und sich dadurch ein Teufelskreis von immer größerer Aggression entwickelt. Als Erwachsene können wir miteinander sprechen und zu einer Klärung gelangen. Kinder und Jugendliche brauchen unsere Empathie und unseren Willen zu verstehen, was in ihnen vorgeht. (Jesper Juul, derStandard.at, 18.5.2014)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 1. Juni.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.

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