Überlebenskampf Selbstständigkeit?

15. Mai 2014, 13:09
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Ist die eigene Firma eine Schuldenfalle und ein dauernder Überlebenskampf? Eine Diskussion über Fallen und Freuden des Gründens an der Fachhochschule Wien

„Ich bin nicht Gerda Rogers und auch nicht Gott. Mein erster Plan hat damals nicht gehalten", erinnert sich Manuela Renner an die Gründungsphase ihrer Agentur unverblümt, in der sie Marketing- und Vertriebsconsulting verbindet. Das Alumni-Netzwerk der FHWien der WKW und die österreichische Crowdinvesting Plattform CONDA luden im Rahmen der "Business Class"-Reihe der FachhochschuleWien  zur Veranstaltung "Überlebenskampf Selbstständigkeit". Die Eingangsfrage des Moderators Daniel Cronin, Co-Founder von „Austrianstartups", wer denn im – großteils studentischen – Publikum über eine Gründung nachdenke, sorgte für viele Hände in der Höhe. Auch die 2013 um sechs Prozent gestiegenen Neugründungen zeigen, dass Selbstständigkeit wieder an Attraktivität gewinnt.

Von wegen easy

Von der Dramatik, die vom Titel der Veranstaltung ausgeht, ist am Podium zunächst nichts zu spüren. Der Austausch über die eigenen Erfahrungen beginnt locker, Moderator Cronin versucht deshalb immer wieder die Unternehmer aus der Reserve zu locken. "Das kann doch nicht immer alles so easy gewesen sein", fordert er die Runde heraus. "Spaßig ist die Selbstständigkeit sicher nicht. Es gibt viele negative Seiten", antwortet Kambis Kohansal Vajargah, Co-Founder und Hauptverantwortlicher für das Marketing bei "whatchado", einer Jobplattform, die via Videos bei der Berufsentscheidung helfen will. Er mahnt vor allem Gewissenhaftigkeit und Konsequenz in der Start-Up-Szene ein: "Da meint jeder, dass man kommen und gehen kann, wann man will. Die Atmosphäre ist ja auch locker und hat etwas familiäres, aber das darf nicht über die Notwendigkeit von durchstrukturierten Finanzen hinwegtäuschen", sagt Vajargah.

Dietmar Kepplinger, Lektor an der FHWien und seit 2008 geschäftsführender Gesellschafter der Marktforschung "Kondeor GmbH", erwähnt die positiven und negativen Seiten, die die Selbstständigkeit auf das Privatleben hat. Während er die Flexibilität genieße und das Büro schon mal in den Wald verlege, bleibe bei ihm kaum Zeit für Familie. "Ich könnte mir aber nichts mehr anderes vorstellen", sagt der seit 1997 Selbstständige.

Netzwerke und Steuerberater zentral

Was braucht es aber konkret, um zu Gründen? Für den Bundesvorsitzenden der Jungen Wirtschaft, Herbert Rohrmair-Lewis, fängt es beim Persönlichen an: "Ich glaube es gibt ein Unternehmer-Gen." Rohrmair-Lewis, der seit 2010 Partner bei der Werbeagentur Lobster ist, habe schon immer gewusst, dass er gründen will. Netzwerke sind ein Thema, das alle Diskutanten als zentral für ihre Gründung nennen.

"„Ohne meine damaligen Kontakte von der Uni wäre es sicher schwieriger gewesen", sagt etwa Kepplinger. Auch einen guten Steuerberater an Bord zu haben, sei für Selbstständige entscheidend, ist sich das Podium einig. "Man sollte nicht glauben, alles selbst in die Hand nehmen zu können", sagt Renner. Das Delegieren an andere fällt den vier Gründern am Podium aber oft schwer.

Selbstständigkeit als teurer Spaß

Aus dem Publikum wird nochmals nachgehakt. Man höre immer wieder von Schauergeschichten mit der Sozialversicherung SVA, ein Zuhörer erzählt von einem besonders tragischen Fall im Freundeskreis. "Welche Fallen gibt es hier?", will man im Audimax wissen. Von Fallen möchte Renner nicht sprechen. "Dass die SVA irgendwann das Geld eintreibt, ist kein Geheimnis." Sich umfangreich zu informieren könne Probleme vermeiden. "Und genügend Rücklagen bilden", wirft Rohrmair-Lewis ein. "Man sollte mindestens ein Jahr ohne Einnahmen über die Runden kommen können." Der Älteste in der Runde, Dietmar Kepplinger, spricht wiederum die Pension an: "Die Selbstständigkeit ist ein teurer Spaß – Eigenvorsorge, auch für den Krankheitsfall, ist das Um und Auf."

Auch über die Finanzierungsmöglichkeiten wollte das Publikum noch genauer Bescheid wissen. "Förderungen gibt es sehr viele in Österreich. Mir war das aber zu bürokratisch", sagt Rohrmeier-Lewis. Das watchado-Team um Vajargah hat mehrere Förderungen – und auch Investoren an Bord. "Uns war am Anfang nicht klar, was für ein Aufwand das ist", spricht auch er die Bürokratie an. "Wir profitieren aber natürlich sehr von diesen guten Bedingungen."

Gerüstet für den Überlebenskampf

So vieles wie möglich selbst machen, Rücklagen schaffen und die Fixkosten bei einem Minimum halten, wird dem Publikum mit auf den Weg gegeben. "Man sollte möglichst konservativ handeln. Denn man darf nie vergessen: Das Geld besitzt man erst, wenn es am Konto ist", sagt Rohrmair-Lewis. Für den Überlebenskampf müsse man in der Selbstständigkeit immer gerüstet sein, so der Schluss-Tenor vom Podium. (derStandard.at, 15.05.2014)

  • Moderator Daniel Cronin (Austrianstartups) mit Dietmar Kepplinger (Lektor an der FHWien), Manuela Renner (Agentur unverblümt), Herbert Rohrmair-Lewis (Bundesvorsitzender der Jungen Wirtschaft und Kambis Kohansal Vajargah (Co-Gründer des Jobhilfe-Portals watchado) zu Überlebenskampf und Schuldenfalle in der eigenen Firma.
    foto: der standard / regine hendrich

    Moderator Daniel Cronin (Austrianstartups) mit Dietmar Kepplinger (Lektor an der FHWien), Manuela Renner (Agentur unverblümt), Herbert Rohrmair-Lewis (Bundesvorsitzender der Jungen Wirtschaft und Kambis Kohansal Vajargah (Co-Gründer des Jobhilfe-Portals watchado) zu Überlebenskampf und Schuldenfalle in der eigenen Firma.

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