Zur Hölle, ja, ja, ja!

15. Mai 2014, 17:20
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Die Wiener Band M185 versucht den Formularen der Rockgeschichte mit jugendlichem Elan, jeder Menge Druck und dem tollen Album "Everything Is Up" beizukommen

Manchmal beschleicht einen in dieser Welt der begründete Verdacht, dass alles nur noch verwaltet wird. Arbeitslosigkeit, Inskriptionsbestätigungen für Studienzeiten, die in der Pension nicht angerechnet werden, Bürobedarfsantragsschreiben, Zahnspangenersatzkosten, Trinkerhilfe, Preissäge, Treuebonus, Heimhilfe, Vorteilscard, Studentenermäßigung, Entschuldigungsbriefe für Nachmittagsbetreuung, wollen Sie regelmäßig unseren Newsletter erhalten? Selbst politische Umstürze kommen zusätzlich zur Waffengewalt nicht ohne die Bürokratie von Scheinplebisziten aus. Alles, alles, alles ist zugemüllt von Formularen. In dieser Welt rockt auch eine Band, die unter dem Namen M185 versucht, zwischen den Aktenordnern und Datenbanken von NSA, H & M, HNaA, Futura 2000, MA 48, G4, G8, BP, iOSX rev. 20b, ZNS und DNA halbwegs über die Runden zu kommen.

M185 sind in Wien beheimatet und haben mit Everything Is Up ein Album eingespielt, das diesen Bergen des Wahnsinns als Trojanisches Pferd beikommen will. Subversion durch Affirmation. Laut Sänger Wolfram Leitner und Gitarrist Heinz Wolf steht der Bandname zwar für exakt nichts, ein Zeichen wird damit aber sehr wohl gesetzt. Unter dieser Ablagenummer ist immerhin der aufregendste Soundtrack des Widerstands gegen das Scheißsystem zu finden, der derzeit in Österreich neben Kreisky zu haben ist. Wenn der Druck zu hoch wird, muss man Gegendruck erzeugen. M185 machen mächtig Druck. Lautstärke, so Wolfram Leitner ist dafür ein gutes Mittel. Und Rockmusik.

Meine Güte, Rock. Was ist eigentlich heutzutage noch interessant an abgespielten, abgelebten Musiken der Alten, die im Wesentlichen ja auch längst in irgendwelchen Archiven verstaubt oder museal verwaltet wird? Heinz Wolf und Wolfram Leitner sehen das gar nicht so: "Natürlich kann man Rock auch als Blaupause verwenden und das im Sinne der musikalischen Vorbilder, mit denen man aufgewachsen ist, weiterbetreiben. Wir betrachten die Stilvorgaben viel eher als Ausgangspunkt, um sie tatsächlich weiter nach vorn zu treiben."

Immer nur nach vorn sehen! Das ist das Anrecht der Jugend. Die Alten sind alt, sie haben ihr Werk getan. Sie hocken daheim vor dem Fernseher und schauen RTL-Oldie-Shows mit den größten Hits ihrer Jugend. Wenn man weiß, wo der Schlüssel hängt und wie man das Auto der Eltern startet, kann man ja mit ein paar Freunden schnell, schnell, eine Spritztour machen. Im Song Jump Cuts wird Qualtingers Wilder auf der Maschin' paraphrasiert. M185 sagen mit sonorer, abgebrühter Stimme: Wir wissen zwar nicht, wo es hingehen soll, aber es könnte sein, dass wir früher dort sind, als wir selbst glauben. Eine alte Weisheit von Eltern am Land sagt: Der erste Sohn gehört der Straße. Selbst wenn mit Verlust zu rechnen ist, das muss so sein.

Alles hinter sich lassen. M185 sehen im Rückspiegel Lou Reed und Velvet Underground. Klar, Wolfram Leitner hat eine ähnlich morbide, sonore Stimme: "Ja, stimmt, das ist der zweite Gitarrist von Status Quo!" Eben. Auch die Gitarre hackt und schrammelt in hellen Akkorden ein wenig hyperaktiv. Sie stolpert, hängt hinter dem Schlagzeug nach, überholt es. Weiter, weiter! Etwas Besseres als den Tod finden wir überall. Bass und Schlagzeug pumpen im hohen Reisetempo. Das bandeigene Label, auf dem 2011 das gefeierte Album Let The light In erschien, nannte sich Speed Of Sound. Hier wurde und wird Dringlichkeit erzeugt. Und an allen Ecken und Enden riecht es nach Gefahr.

Drama, Baby, Drama

Wolfram Leitner sagt: "Eine gute Komödie ist schwieriger zu machen als ein Drama." Ein Satz wie aus einem Formular - und trotzdem lässt sich dagegen nichts einwenden. Everything Is Up ist trotz aller Anrufungen des Aufbruchs, des Fortkommens von hier und des Lichts definitiv der dunklen Seite der Rockgeschichte verpflichtet. Im Lied Spring Thing ließ man sich von I Wanna Be Your Dog von Iggy Pop & The Stooges inspirieren. Die Alten sagen, das ist geklaut. Die Jugend, die immer Recht hat, nennt das anders. Im Pop hat sich zwar jede Menge Geschichte in den Archiven angehäuft, aber wer geht dort schon in eine Bibliothek und betreibt ordentliches Quellenstudium mit seriösen Zitatangaben? Warum denn?!

Es gibt Gitarrenriffs, die immer schon der Allgemeinheit gehört haben. Wenn es nach unten geht, dorthin, wo die Abgründe lauern, dann geht es zum zähen, mahlenden Riff von I Wanna Be Your Dog eben nach unten. An anderer Stelle blitzen gegeneinander kämpfende, sich aneinanderreibende, eiernde Gitarren auf, die einst in New York von Sonic Youth erfunden wurden. Ja, und?! Sonic Youth befinden sich in Rente. Bei M185 entsteht mit dieser Ausgangslage ohnehin etwas Neues: "There is no point in talking of new times/when you're singing it back in the old rhymes", heißt es folgerichtig in Spring Thing . M185 sind nicht nur eine hart rockende, sondern auch eine kluge Band.

Die Songs entstehen im Mannschaftsfünfer, Teamspiel ist obligat. Es gibt keine Soli und nur die notwendigsten Akkordwechsel, dafür mit Bläsern und Keyboards opulent gemachte Arrangements. Auf die Texte wird großer Wert gelegt, gerade weil sie auf Englisch sind. Wenn die Menschen bei fremdsprachigen Lyrics tendenziell weghören, muss man besonders sorgfältig arbeiten. M185 sind die Band der Stunde. Zur Hölle, ja, ja, ja! (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 16.5.2014)

M185 - Everything Is Up (Siluh Records) ab 23.5. im Handel.

Livepräsentation, Mi., 21.5., Flex-Wien

  • M185 aus Wien, von oben: Joerg Skischally, Heinz Wolf, Wolfram Leitner, Roland Reiter und Alexander Diesenreiter.
    foto: 3007wien

    M185 aus Wien, von oben: Joerg Skischally, Heinz Wolf, Wolfram Leitner, Roland Reiter und Alexander Diesenreiter.

  • Artikelbild
    foto: 3007wien
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