Herbert Krejci: "Wir haben die alte Monarchie wiederholt"

Interview15. Mai 2014, 12:11
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Die Industriellenvereinigung fühlte sich beim Akquirieren von Gastarbeitern laut deren Ex-Generalsekretär als Schrittmacherin

STANDARD: Die Industriellenvereinigung war in den 60ern federführend bei der Anwerbung von Gastarbeitern, offensiver als der Gewerkschaftsbund?

Krejci: Ja. Die Industriellenvereinigung hatte das Gefühl, sie habe eine Schrittmacherfunktion in der Sache. Der ÖGB hat zur Kenntnis genommen, dass man angesichts des Arbeitskräftemangels etwas tun muss. Und die Gewerkschaft hat dafür gesorgt, dass Vertrauensleute in den Betrieben gewählt wurden, die mit den Chefs reden konnten. Wir sorgten dafür, dass die Gastarbeiter sich integrieren konnten, wir wollten, dass es, um es wie die Amerikaner zu sagen, "smoothly" geht, also reibungslos. Ohne Gesichtsverlust und ohne Verletzung der Leute, die ja immerhin auf unsere Bitte nach Österreich gekommen sind.

STANDARD: Sie selbst haben sich dafür eingesetzt, dass das Wort Fremdarbeiter, das der Nazi-Diktion entstammte, durch Gastarbeiter ersetzt wird?

Krejci: Ja, das war mein und das Anliegen der Industriellenvereinigung. Fremdarbeiter klang nach Drittem Reich.

STANDARD: Wie hat die Industrie für Integration gesorgt?

Krejci: Indem die Arbeitgeber auf die religiösen Überzeugungen der Leute Rücksicht nahmen, zudem haben wir versucht zu verhindern, dass die Leute in Ghettos oder menschenunwürdigen Wohnungen leben müssen. Wir haben ja nicht nur Arbeitskräfte gewonnen, sondern auch Menschen.

STANDARD: Nach Wien hat Vorarlberg die meisten Gastarbeiter aufgenommen ...

Krejci: Ja, damals war Vorarlberg ja noch ein Textilland. Das muss man sich vorstellen: Die Vorarlberger, die besonders stolz auf ihre Eigenständigkeit sind, haben auf einmal Jugoslawen und Türken im Land gehabt. Die Industriellenvereinigung hat damals Flugblätter an die Firmen verteilt, in denen sie informiert wurden, wie sie an Gastarbeiter kommen und wie sie sie behandeln sollen. Türken zum Beispiel sollte ja die Möglichkeit eingeräumt werden, ihr Freitagsgebet auszuüben.

STANDARD: Sie haben im November 1970 die erste Zeitung in serbokroatischer Sprache herausgegeben: "Nas List". Sie hatte eine Auflage von um die 100.000 Stück.

Krejci: Jedes Mal, wenn eine Nummer fertig war, hab ich den Übersetzer mit pochendem Herzen gefragt: "Steht irgendetwas drin, was zum Aufruhr gegen die Staatsgewalt aufruft?" Die Zeitung ist dankbar aufgenommen worden, die Arbeitgeber hatten Abos, für die Arbeiter war Nas List gratis.

STANDARD: Wie war die Stimmung in der Bevölkerung, als die Gastarbeiterwelle langsam begann?

Krejci: Nicht alle waren sehr erfreut. Die Wiener haben gesagt: "Mir san mir, was brauchen wir die?" Auch die Industrie musste ihre Mitarbeiter überzeugen, ihnen sagen: "Da kommen Leute, die wir brauchen und die ihr Fach verstehen. Ihr müsst ihnen helfen." Aber man kann nicht sagen, dass es überschwängliche Freude gegeben hätte. Schließlich kamen die Ängste der Österreicher dazu, was ja dann in der sozialen Werbeaktion "I haaß Kolaric, du haaßt Kolaric. Warum sogn s' zu dir Tschusch?" abgefangen wurde.

STANDARD: Deutschland hat vor Österreich begonnen, Arbeitskräfte aus dem Ausland zu holen; hatte das Vorbildfunktion?

Krejci: Ich glaube, wir haben das eher als selbstverständlich angesehen: Wenn es eine Reserve an Mitarbeitern für Österreich gibt, dann in Ländern wie der Türkei oder dem damaligen Jugoslawien. Im Grunde haben wir die alte Monarchie wiederholt, die hatte auch ihre Zuzügler gehabt, die sich integriert haben. Und das Integrieren hat nicht geschadet, beiden Seiten nicht.

STANDARD: Eigentlich haben damals die Sozialpartner Ausländerpolitik in Österreich gemacht.

Krejci: Es gab damals nicht so große Probleme, man hat eingesehen, dass wir diese Arbeitskräfte brauchen. Und man hat eingesehen, dass die Industriellenvereinigung flexibel und schnell reagiert. Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hätte, bis die Bundeskammer eine serbokroatische Zeitung herausgibt. Ich habe gesagt: Wir machen das. Und Punkt.

STANDARD: Waren die Österreicher in den 60ern liberaler zu Fremden?

Krejci: Na ja, insofern, als man sie gebraucht hat für Arbeit, die die Österreicher nicht machen wollten - und weil sie nicht so viele waren. Und die FPÖ war damals noch keine rechtspopulistische Partei. (Renate Graber, DER STANDARD, 15.5.2014) 

Herbert Krejci (91) war Journalist und ab 1956 in der Industriellenvereinigung. 1980 bis 1992 war er deren wortgewaltiger Generalsekretär.

  • Krejci über Ausländerpolitik: "Es gab damals nicht so große Probleme, man hat eingesehen, dass wir diese Arbeitskräfte brauchen."
    foto: matthias cremer

    Krejci über Ausländerpolitik: "Es gab damals nicht so große Probleme, man hat eingesehen, dass wir diese Arbeitskräfte brauchen."

  • Andrang  beim Anwerbebüro in Instanbul 1964.
    foto: pflegerl / wko-archiv

    Andrang  beim Anwerbebüro in Instanbul 1964.

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