Gezerre um Pharma-Fusion

14. Mai 2014, 18:25
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US-Pharmariese Pfizer könnte bei seinem Angebot für AstraZeneca preislich noch einmal nachlegen. Doch von der britischen Politik hagelt es Kritik

Die geplante Übernahme des britisch-schwedischen AstraZeneca-Konzerns (AZ) durch den US-Pharmariesen Pfizer gerät in Großbritannien immer stärker in die Kritik. Im Unterhaus bezeichnete Labour-Oppositionsführer Edward Miliband am Mittwoch die Versprechungen des Viagra-Herstellers als "wertlos" und warnte vor einem Niedergang der Medikamentenforschung auf der Insel. Der zuständige Forschungsstaatssekretär der konservativ-liberalen Koalition forderte "robuste Zusagen". Pfizer-Vorstandschef Ian Read wehrte sich bei einer Anhörung des Wissenschaftsausschusses gegen den Vorwurf, seine Firma kaufe Konkurrenten nur, um sie zu zerschlagen.

Pfizer hat bisher 76,8 Mrd. Euro geboten. Diesen Preis lehnt der AZ-Vorstand unter Pascal Soriot als zu niedrig ab. Nach schwieriger Umstrukturierung und erheblichen Jobverlusten habe seine Firma eine Reihe vielversprechender Medikamente in der Entwicklung, sagte Soriot den Parlamentariern. "Wir können auf eigenen Beinen stehen." Eine Fusion sorge mit Sicherheit für erhebliche Unruhe im Unternehmen: "Das würde die Entwicklung neuer Präparate verzögern." Ein neues Angebot werde sein Vorstand natürlich prüfen. Börsianern zufolge dürfte Pfizer seine Offerte von 50 Pfund auf bis zu 55 Pfund pro Aktie erhöhen sowie eine Cash-Komponente zusagen. Dazu hat Pfizer noch zehn Tage Zeit.

"Vage und unzureichend"

Read musste sich bei Befragungen durch die Wirtschafts- und Wissenschaftsausschüsse im Unterhaus bohrende Fragen nach früheren Firmenkäufen gefallen lassen. Nach Gewerkschaftsangaben hat der Konzern seit 2005 knapp 65.000 Stellen gekürzt. Auf der Insel hat Pfizer keinen guten Ruf, seit 2011 eine Forschungsabteilung in Sandwich (Grafschaft Kent) mit dem Verlust von 1500 Arbeitsplätzen geschlossen wurde. Read wiederholte vor dem Unterhaus Versprechungen, die er Premier Cameron bereits schriftlich gegeben hat: Pfizer werde eine vor der Fertigstellung stehende AZ-Entwicklungsabteilung in Cambridge belassen. Mindestens fünf Jahre lang würden 20 Prozent der Hightechjobs in Forschung und Entwicklung auf der Insel bleiben. Read musste aber einräumen, dass dem neuen Megakonzern weniger Geld für die Entwicklung neuer Medikamente zur Verfügung stünde als den beiden Unternehmen bisher.

Auch führende britische Wissenschaftler lehnen den Deal ab. Pfizers auf fünf Jahre begrenztes Job-Versprechen sei "vage und unzureichend", kritisiert der Zellbiologe und Medizin-Nobelpreisträger Paul Nurse, der die Wissenschaftsakademie Royal Society leitet. Aus seiner 40-jährigen Forschungserfahrung wisse er: "Fünf Jahre sind nicht genug, es sollten mindestens zehn Jahre sein." (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 15.5.2014)

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