Ein europäischer "Tatort"

Kolumne14. Mai 2014, 18:20
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Was wir trotz alldem an Europa haben, sehen wir vermutlich erst dann, wenn wir uns außerhalb unseres Kontinents befinden

Den Tatort sehen an jedem Sonntag im Fernsehen hunderttausende Menschen in Deutschland und Österreich. Jede Folge dieses Krimis spielt in einem anderen deutschen Bundesland, in Österreich oder in der Schweiz. Wie, wenn der Tatort jedes Mal in einem anderen Land der Europäischen Union angesiedelt wäre? Vermutlich würde diese Maßnahme das Europagefühl der Bürger mehr beflügeln als noch so viele Veranstaltungen, Vorträge und Konferenzen über die EU.

Der Wahlkampf für das europäische Parlament schleppt sich mühsam dahin. Die Leute sind desinteressiert oder feindselig, und die Medien singen immer dasselbe Klagelied: zu abstrakt, zu wenig bürgernah, zu weit weg ist das alles. Immer noch denken die meisten Menschen nicht "wir", wenn von der Union die Rede ist, sondern "die in Brüssel". Mit Engelszungen bemühen sich die Kandidaten, diese Meinung zu widerlegen, aber viel Erfolg scheinen sie damit bisher nicht zu haben. Dass zu "denen" in Brüssel auch unsere Vertreter gehören, ist ins Wahlvolk nicht wirklich durchgesickert.

Noch immer ein gemeinsames Narrativ, eine gemeinsame Geschichte dieses "unser" Europa. "Wir" sagen die Leute, wenn sie ihr eigenes Land meinen: wir Österreicher, wir Franzosen, wir Polen, wir Spanier. Aber wir Europäer? Eher nicht.

Die Süddeutsche Zeitung hat sich als Gegenmittel vor kurzem eine Serie einfallen lassen, die den Titel "Europa vermissen" trägt. Die Korrespondenten des Blattes in außereuropäischen Ländern schildern darin ihre täglichen Erfahrungen, darunter auch jene, dass sie sich bisweilen nach den Regeln und Standards sehnen, die in Europa selbstverständlich, aber anderswo eben durchaus nicht selbstverständlich sind.

Eine US-amerikanische Familie, die ihr Haus verkaufen muss, weil ein Familienmitglied schwer krank ist und die Kosten für die medizinische Versorgung privat aufgebracht werden müssen? Undenkbar bei uns, keineswegs ungewöhnlich dortzulande. Ein Richter, der bestochen werden muss, damit er ein gerechtes Urteil in einem Zivilprozess spricht? In einem lateinamerikanischen Land, aus dem der SZ-Mann berichtet, alltägliche Praxis. Tagelang die Kinder nicht aus dem Haus lassen, weil die Luft draußen vergiftet ist und man fürchtet, dass die Kleinen beim Spielen im Freien krank werden? Kommt in chinesischen Städten oft vor.

Die deutschen Journalisten sind keine Chauvinisten, sie schätzen durchaus nordamerikanische Innovationslust, südamerikanische Lebensfreude, chinesisches Leistungsbewusstsein. Aber Sozialgesetzgebung, Rechtsstaat, Umweltstandards sind eben doch Dinge, die man vermisst, wenn sie nicht da sind. In Europa sind sie im Lauf von Jahrhunderten mühsam erkämpft worden.

Wir jammern gern über Brüsseler Bürokratie, Regulierungswut und zu hohe Gehälter für die dort Arbeitenden. Wir ärgern uns, wenn von Reichen verlangt wird, dass sie für Ärmere zahlen sollen. Was wir trotz alldem an Europa haben, sehen wir vermutlich erst dann, wenn wir uns außerhalb unseres Kontinents befinden. Und was Europäern trotz aller Verschiedenheit gemeinsam ist, könnten wir vermutlich eher nachvollziehen, wenn wir einmal Polizeikommissaren aus Rom, Kopenhagen und Laibach beim Ermitteln in einem Mordfall zuschauen könnten. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 15.5.2014)

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