Zentralmatura: Jetzt ist schon wieder was passiert

Kommentar der anderen14. Mai 2014, 18:14
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Es macht fast den Eindruck, das Bifie könnte für die hiesigen Schulen das werden, was die Hypo Alpe Adria für das österreichische Bankwesen ist

Vermutlich war die Interpretation des Statements "Shit happens" nicht Prüfungsstoff der heurigen Englisch-Zentralmatura. Die Prüflinge hätten sich mit "Jetzt ist schon wieder was passiert" (Copyright Wolf Haas) behelfen können und dafür möglicherweise jene rettenden drei Prozentpunkte erhalten, die notwendig sind, um die heuer von 60 auf 63 Prozent angehobene Mindestpunktezahl für ein Genügend zu erreichen.

Wie sind die Pannen einzuschätzen, die beim Probelauf der Zentralmatura aufgetreten sind? Handelt es sich um unangenehme, aber nicht katastrophale Fälle von "Shit happens", also um jene kaum völlig vermeidbaren Missgeschicke, wie sie nicht bloß in Österreich und beileibe auch nicht bloß im Bildungswesen im Rahmen großer, komplexer Innovationen auftreten? Auch in Frankreich und in England passiert bei den seit Jahrzehnten praktizierten zentralisierten Prüfungen immer wieder "irgendetwas". Immerhin ist es im Falle der unvollständigen Mathe-Prüfungsaufgaben den betroffenen Lehrerinnen und Lehrern mit professioneller Geistesgegenwart und Flexibilität gelungen, von ihren Prüflingen nachhaltigen Schaden abzuwenden.

Oder handelt es sich um gravierende Manifestationen der Inkompetenz des Bildungsforschungsinstituts Bifie, wie man sie nach dem alarmierenden Prüfungsbericht des Rechnungshofes aus dem Jahr 2012 und der bereits einmal erfolgten Verschiebung der Zentralmatura befürchten musste? Nicht alle der vom Rechnungshof beanstandeten Mängel des Bifie, etwa seine ziellose Selbstläufigkeit, die unverschämten Gagen der früheren Direktoren, der sorglose Umgang mit Geld, Personal und Raumressourcen, der durch den Mangel an hauseigener Kompetenz erforderliche teure Zukauf externer Expertise sind für die Zentralmatura direkt relevant, aber sie erzeugen das dumpfe Gefühl, das Bifie könnte für die österreichische Bildungsforschung das werden, was die Hypo Alpe Adria für das österreichische Bankwesen ist.

Allerdings ist im Falle des Bifie eine zur "Abwicklung" führende "Anstaltslösung" ausgeschlossen. Österreich braucht - wie alle europäischen Länder - ein redimensioniertes und durch professionelle Leadership revitalisiertes nationales Bildungsforschungsinstitut, das effizient, verlässlich und sparsam großangelegte Bildungsforschungsprojekte durchführt und der Öffentlichkeit, der Politik und der Lehrerschaft Rechenschaft über die Tüchtigkeit des Schulsystems liefert.

Das Bifie scheint weder aus der Kritik des Rechnungshofs noch aus den Anregungen des wissenschaftlichen Beirats die notwendigen Konsequenzen gezogen und auch nichts aus den Erfahrungen jener deutschen Bundesländer gelernt zu haben, die seit 2008 ein Zentralabitur eingeführt haben. So gilt es als sehr problematisch, dass die Maturaarbeiten an der betreffenden Schule vom unterrichtenden Lehrer beurteilt werden. In den meisten Ländern gilt das Vier-Augen-Prinzip, oder die Arbeiten werden extern beurteilt. Der Einsatz eines computergesteuerten Notenrechners täuscht eine Exaktheit vor, die insbesondere in den Sprachfächern nicht existiert.

An den Deutschen orientieren

Und wenn das Bifie den Lehrern nunmehr den Rat gibt, in "Grenzfällen" zwischen zwei Noten zusätzlich zur computergenerierten Note die "Gesamtleistung" einzubeziehen, so fragt man sich, warum man sich nicht gleich am deutschen Abitur orientiert hat. Dort geht man nach dem bewährten testpsychologischen Grundsatz vor, dass der Durchschnitt mehrerer Leistungsmessungen ein verlässlicheres Bild der Leistungsfähigkeit einer Person ergibt als eine einmalige, affektiv stark aufgeladene (angstbesetzte) Prüfung. Die Berechnung der deutsche Abiturnote beruht zu zwei Dritteln auf den Noten der letzten vier Schulhalbjahre, zu einem Drittel auf der Leistung bei der Abiturprüfung.

Die Aufregung über die angebliche Verschärfung der Prüfungsstandards der Englischmatura wirft ein trübes Licht auf das schulische Leistungsbewusstsein in Österreich. Das Bifie rechtfertigte die Anpassung des für eine positive Beurteilung erforderlichen Minimums von 60 auf 63 Prozent mit der etwas bemühten Begründung, dass sich nicht immer gleich schwierige Prüfungsaufgaben finden lassen. Die Antwort darauf wäre: Must try harder. Die Kritiker argumentierten wiederum, die Maturanten hätten sich auf diese ominösen 60 Prozent eingestellt und sich "darauf vorbereitet".

Really? For heaven's sake! Wie groß ist der Anteil der österreichischen Maturanten, die sich mit besorgniserregendem Minimalismus damit begnügen, das rettende Ufer des Genügend zu erreichen ("Der Vierer ist das Sehr gut des kleinen Mannes")? Sollte nicht die große Mehrheit, wie ihre Mitschüler in Frankreich, England und Deutschland, danach streben, bei der Matura das Beste aus sich herauszuholen, um sich selbst, Lehrern und zukünftigen Arbeitgebern zu beweisen, was sie können? Übrigens: Für ein Sehr gut braucht es mindestens 90 Punkte. (Karl Heinz Gruber, DER STANDARD, 15.5.2014)

Karl Heinz Gruber (Jg. 1942) lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Wien und ist Research-Fellow an der Universität Oxford.

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